Aktuelles zu Finanzmärkten und Konjunktur

Wocheninfo vom 01.08.2022

  • Zwischen Inflation und Rezession
  • Aktien: Im Grunde statisch
  • Anleihen: Rezessionssorgen und EZB zeigen Wirkung
  • Euro stabilisiert zum Dollar
  • Rohstoffpreise steigen wieder
  • Geschäftsklima erneut stark gesunken
  • Inflationsrate minimal zurückgegangen
  • Wachstum zum Stillstand gekommen
  • Euroraum-BIP um 0,7 % gestiegen

Zwischen Inflation und Rezession

Erwartungsgemäß erhöhte die US-Notenbank Fed am Mittwoch, dem 27. Juli, ihren Leitzins um weitere 75 Basispunkte auf einen Korridor von nunmehr 2,25 bis 2,5 %. Damit reagiert die Fed auf eine weiterhin sehr hohe US-Inflation von zu-letzt 9 % bei einem zugleich stabilen Arbeitsmarkt, dessen Erhalt ebenfalls zum Mandat der US-Zentralbank gehört.

Gleichzeitig rückte jedoch die Fed – wie die EZB in der Woche zuvor – vom Konzept der „Forward Guidance“ ab und stellte die Betrachtung der Daten zum jeweiligen Sitzungstermin in den Vordergrund. Damit wird auch in den USA die Flexibilität der Geldpolitik zulasten ihrer Berechenbarkeit erhöht. Die Alternative wäre in der gegenwärtigen angespannten und unsicheren Lage jedoch eine Vorfestlegung, die dann aufgrund der geänderten Umstände nicht eingehalten werden kann.

Das Mandat der Fed, Preisstabilität und Vollbeschäftigung gleichzeitig zu sichern, erschwert die Berechnung der Notenbank hierbei zusätzlich. Ihre Zinserhöhungen erhöhen die Wahrscheinlich-keit einer Rezession, in der sich die US-Wirtschaft technisch nach zwei Quartalen mit leicht schrumpfendem BIP (-1,6 und -0,9 %) bereits befindet. Eine Rezession würde den Preisauftrieb bremsen und gleichzeitig den zweiten Teil des Fed-Mandats aktivieren. Auch deshalb ist für die Fed Flexibilität sehr wichtig.

Auf europäischer Seite ist diese Rezession auch technisch noch nicht gegeben: Der Euroraum wuchs im zweiten Quartal 2022 um 0,7 % zum Vorquartal. Die Gesamt-EU noch um 0,6 %. Die deutsche Wirtschaft hinkt hierbei hinterher und verharrte im zweiten Quartal auf einem Nullwachstum.

Jedoch ist der Ausblick in Europa wegen der Energieabhängigkeit von Russland stark eingetrübt. Russland befeuert diese Eintrübung durch eine künstliche Verknappung des Gasangebots durch Nord Stream 1 (NS1), zuletzt auf 20 % der möglichen Kapazität am 27. Juli. Dieser marginale Fortbetrieb sichert Russland hohe Preise und Einnahmen, während er zugleich für ein fortbestehendes, aber nicht realisiertes Risiko eines vollständigen Lieferausfalls sorgt, das Europas Märkte und Bevölkerungen verunsichert. Ob und, wenn ja, inwieweit diese Risiken bereits ein-gepreist sind, ist eine der aktuellen Fragen an den Finanzmärkten, aus deren unterschiedlichen Antworten sich weiterhin Volatilität speist.

Aktien: Im Grunde statisch

Die amerikanischen Börsen nahmen den Zinsentscheid der Fed positiv auf und verkrafteten die Nachrichten zum leichten Wirtschaftsrückgang der USA gut. Ungeachtet der Möglichkeit eines Konjunkturabschwungs profitierte der Nasdaq am deutlichsten und stieg um 4,7 %. Der breite S&P 500 legte parallel um 4,3 % zu. Auf europäischer Ebene konnte eine hierzu ähnliche, aber schwächere Kursentwicklung beobachtet wer-den. Der Euro Stoxx 50 erholte sich um 3,1 %. Der Dax gibt hierbei den Nachzügler mit 1,7 % Zuwachs. Er wird von der hohen Export- und damit Weltkonjunkturabhängigkeit sowie den Folgen der hohen Abhängigkeit von (ausbleibendem) russischem Gas belastet.

Anleihen: Rezessionssorgen und EZB zeigen Wirkung

Die Anleiherenditen fielen auch in der vergangenen Woche weiter. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sank um 19 Basispunkte auf 0,83 %, womit die Marke von 1 % wieder unterschritten ist. Auch die italienische zehnjährige Anleihe, ob der politischen Sorgen um das Land das riskantere Pendant zum sicheren deutschen Papier, konnte sich stabilisieren. Die Rendite sank um 26,8 Basispunkte auf 3,2 %. Damit liegt sie jedoch trotz des deutlich höheren Leitzinsniveaus in den USA weiterhin über den zehnjährigen US-Anleihen (2,6 %).

Euro stabilisiert zum Dollar

Für einen Euro erhielt man am Ende der vergangenen Woche, am 29. Juli, 1,02 Dollar. Damit hat die Gemeinschaftswährung ihren Wechselkurs im Wochenverlauf auf niedrigem Niveau verteidigt. Gegenüber einem breiteren Korb der Währungen ihrer wichtigsten Handelspartner verlor sie jedoch leicht um –0,3 %. Ein Beitrag hierzu liefert etwa der weiterhin sehr starke Schweizer Franke, für den man gegenwärtig 0,97 Euro erhielte.

Rohstoffpreise steigen wieder

Das Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent notierte zu einem Schlusskurs von 111,5 Dollar, ein Plus von 4,4 % zum Wochenauftakt. Damit überwog bei der Ölpreisbildung der Faktor Knappheit den einer möglichen Rezession.

Auch beim Erdgas dominiert die Knappheit. Russlands Ankündigung, die Gasliefermengen über NS1 noch stärker zu drosseln, ließ die Preise ein weiteres Mal steigen. Der holländische Day Future Gaspreis nahm um 18 % auf 191,8 Euro pro Megawattstunde zu, das 38-fache des Standes vor zwei Jahren im ersten Coronasommer

Newsletter - Immer topaktuell informiert sein.

Sie möchten nichts verpassen? Dann abonnieren Sie doch einfach unsereren Newsletter.

 

mehr

Geschäftsklima erneut stark gesunken

Angesichts der gestiegenen Unsicherheit über den Umfang künftiger Gaslieferungen Russlands hat sich die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland stark eingetrübt. Der ifo Geschäftsklimaindex ist von 92,2 Punkten im Juni auf 88,6 Punkte im Juli gesunken. Der wichtige Konjunkturindikator liegt damit so niedrig wie seit Juni 2020, während der ersten Coronawelle, nicht mehr. Die leichte Stabilisierungstendenz des Geschäftsklimas nach dem durch den russischen Einmarsch in der Ukraine ausgelösten Einbruch vom März hat sich damit zunächst nicht fortgesetzt.

Zum jüngsten Rückgang des auf einer monatlichen Unternehmensumfrage beruhenden Indikators trug vor allem seine Erwartungskomponente bei. Der Saldo der Prozentanteile von „günstiger“ und „ungünstiger“-Meldungen zu den Geschäftserwartungen ist von zuvor -20,8 Punkten auf -31,7 Punkte gesunken. Damit rechnet nunmehr per Saldo fast jedes Dritte Unternehmen damit, dass sich die wirtschaftliche Situation in den nächsten sechs Monate verschlechtern wird. Aber auch die aktuelle Geschäftslage wurde von Umfrageteilnehmern schlechter bewertet. Der entsprechende Saldo von „gut“ und „schlecht“-Meldungen befindet sich trotz des jüngsten Rückgangs von 26,5 Punkten auf 22,7 Punkten aber weiterhin im positiven Bereich. Verhalten stimmt auch, dass sich das Geschäftsklima im Juli in allen betrachteten Wirtschaftsbereichen (Verarbeitendes Gewerbe, Dienstleistungssektor, Handel und Bauhauptgewerbe) verschlechtert hat.

Inflationsrate minimal zurückgegangen

Ausgehend von einem hohen Niveau hat sich die Inflationsrate Deutschlands im Juli nochmals minimal vermindert. Nach vorläufigen Angaben des Statistischen Bundesamtes ist der Verbraucherpreisindex (VPI) um 7,5 % über seinem entsprechenden Vorjahresmonatswert gestiegen. Im Juni lag die Inflationsrate bei 7,6 %, nachdem sie im Mai mit 7,9 % einen lokalen Höchststand erreicht hatte. Während der Rückgang der Juni-Inflationsrate vor allem durch die Einführung des staatlichen Tankrabatts und des 9-Euro-Tickets getrieben wurde, dürften für den minimalen Rückgang vom Juli unter anderem ein Basiseffekt und der Wegfall der Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verantwortlich sein. Die EEGUmlage wird seit Anfang Juli nicht mehr von den Stromverbrauchern, sondern vom Staat gezahlt. Im Zuge dessen hat sich der Anstieg der Energiepreise von zuvor 38,0 % auf 35,7 % verringert. Darüber hinaus nahm der Preisauftrieb auch bei Dienstleistungen etwas ab (+2,0 % nach +2,1 % im Juni). Für Nahrungsmittel mussten die Verbraucher allerdings mehr Geld aufwenden (+14,8 % nach +12,7 %). Im Euroraum ist die Inflationsrate nach ersten amtlichen Berechnungen leicht gestiegen. Basierend auf dem Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) legte sie von 8,6 % im Juni auf 8,9 % im Juli zu.

Wachstum zum Stillstand gekommen

Das Statistische Bundesamt hat am vergangenen Freitag die Ergebnisse seiner vorläufigen Schnellschätzung zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands für das 2. Quartal veröffentlicht. Den Angaben zufolge stagnierte das preis-, kalender- und saisonbereinigte BIP Deutschlands auf dem Vorquartalswert, nachdem es zuvor noch um 0,8 % expandiert war. Genauer bezeichnet, ist das BIP minimal gesunken (-0,04 Prozent). Die Entwicklung verlief damit ähnlich wie im Rahmen der Sommer-Konjunkturprognose des BVR erwartet (-0,2 Prozent). Gemäß den amtlichen Angaben lieferten die privaten und staatlichen Konsumausgaben Wachstumsimpulse, während vom Außenbeitrag angesichts der schwierigen weltwirtschaftlichen Entwicklung – mit gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Ukrainekrieg – eine dämpfende Wirkung auf das BIP ausging. Möglicherweise wird der BIP-Wert im Rahmen der für den 25. August geplanten Veröffentlichung detaillierter Angaben abwärtsrevidiert. So hat sich das Konsumklima zuletzt stark eingetrübt, was für schwache Juni-Einzelhandelsumsätze spricht. Erste amtliche Angaben zum Einzelhandelsumsatz im Juni werden an diesem Montagmorgen veröffentlicht. Jüngste Schätzungen des BVR signalisieren, dass das BIP Deutschland im laufenden 3. Quartal um 0,4 % sinken wird. Die deutsche Wirtschaft würde damit in eine technische Rezession, im Sinne von zwei negativen BIP-Verlaufsraten in Folge, geraten. Sollte es zu einem dauerhaften und weitreichenden Lieferstopp russischen Erdgases kommen, wäre mit einem Abgleiten in eine deutliche Rezession zu rechnen, im Sinne eines breit angelegten, deutlichen und anhaltenden Rückgangs der Wirtschaftsaktivitäten.

Euroraum-BIP um 0,7 % gestiegen

Wie eingangs erwähnt, ist BIP des Euroraums im 2. Quartal gestiegen. Gemäß ersten Schätzungen legte es um 0,7 % zu, nach-dem es im 1. Quartal um 0,5 % gestiegen war. Maßgeblich für den Zuwachs waren kräftige BIP-Anstiege in den Euroraum- Schwergewichten Spanien (+1,1 %) und Italien (+1,0 %). In Frank-reich (+0,5 %) fiel das Wachstum demgegenüber schwächer aus.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR