Aktuelles zu Finanzmärkten und Konjunktur

Wocheninfo vom 05.09.2022

  • EZB: Zinsanhebung um 0,75 % möglich
  • Rezessions- und Zinssorgen am Aktienmarkt
  • Zinsschritte in Anleiherenditen eingepreist
  • Euro bleibt niedrig
  • Preisverfall trotz Pipelineschließung
  • Arbeitsmarktlage nach wie vor robust
  • Inflationsrate auf 7,9 % gestiegen
  • Neuer Inflationsrekordwert im Euroraum
  • Weitere Verschlechterung des Euroraum-Wirtschaftsklimas

EZB: Zinsanhebung um 0,75 % möglich

Die Inflationserwartungen in der Eurozone steigen weiter. In der Befragung professioneller Prognostiker liegen die fünfjährigen Inflationserwartungen nunmehr bei 2,2 % — und damit oberhalb des Ziels der EZB. Gleichzeitig lag die Inflation der Eurozone im August bei 9,1 % — und damit höher als noch im Juli. In Deutschland zeigt sich das gleiche Bild: zum Vormonat stieg der Verbraucherpreisindex um 0,3 %.

Die EZB wird auf ihrer Ratssitzung am Donners-tag, dem 8. September, auf diese Daten reagieren müssen, um ihre Glaubwürdigkeit im Kampf um die Preisstabilität zu wahren. Bereits in den vergangenen Wochen sprachen sich Vertreter der EZB, darunter Isabel Schnabel und Bundesbank-Chef Joachim Nagel, für ein entschiedenes Vorgehen aus. Die Märkte und der BVR, leiten hieraus die Option einer Leitzinserhöhung um 0,75 % ab.

Die hohe Inflation und das starke Bewusstsein der Bevölkerung für diese Inflation einen deutlichen Schritt als geboten erscheinen. Es wäre jedoch der größte Zinsschritt der Notenbank seit der Senkung der Leitzinsen um 75 Basispunkte im November 2008, zur Weltfinanzkrise.

Eine Erhöhung der Leitzinsen in dieser Größenordnung hat es in der Geschichte der EZB bisher nicht gegeben. Am nächsten kommen Erhöhungen der Einlagen- und Spitzenrefinanzierungsfazilitäten im Januar 1999, die bereits im April des Jahres aufgehoben waren, als die Hauptrefinanzierungsfazilität gesenkt wurde.

Das Umfeld ist für die EZB dabei schwierig. Die Finanzmärkte preisen neben einer Zinserhöhung auch eine Rezession in Europa und der Eurozone ein, die von der Energiekrise des Kontinents getrieben wird. Russlands Entscheidung, Nord Stream 1 auf unbestimmte Zeit nicht mehr zu befüllen, trägt hier entscheidend bei. Ob der hohen Inflation sollte die EZB hierauf jedoch keine Rück-sicht nehmen. Es ist die Aufgabe der Politik mit alternativem Angebot auf den Energiemärkten gegen die dortige Krise vorzugehen, etwa durch den Ausbau erneuerbarer Energien, durch Atomkraft und Kohle bereitzustellen.

Die pessimistischere Leseart der Weltwirtschaft setzt sich auch global durch: In den USA wirken die Aussagen von Fed-Präsident Powell, den Kampf gegen die Inflation so lange wie nötig durchzuhalten. Das Ölkartell Opec+ wiederum diskutiert über Produktionssenkungen angesichts eines durch die Rezession drohenden Preisverfalls.

Rezessions- und Zinssorgen am Aktienmarkt

Die US-Aktienmärkte erlitten in der vergangenen Woche deutliche Verluste von 3 % beim Dow Jones bis zu 4,2 % beim IT-lastigen Nasdaq. Auch der Euro Stoxx 50 verlor 1,7 %. Der Dax konnte sich hingegen um 0,6 % auf 13.050 Punkte steigern. Verantwortlich hierfür ist jedoch die geringe Basis: In den letzten drei Monaten gab der Index 9,8 % ab, der schlechteste Wert unter den großen Indizes. Im Zweijahresvergleich schneiden allein der von der Zinswende besonders betroffene Nasdaq und der von der Zero-Covid-Politik belastete Shanghai Composite schlechter ab.

Zinsschritte in Anleiherenditen eingepreist

Die untypische parallele Abwärtsbewegung von Aktien- und Anleihekursen setzte sich in der vergangenen Woche fort. So steigen die Renditen der Staatsanleihen. Die der zehnjährigen Bundesanleihe legte etwa um 12 Basispunkte auf 1,5 % zu. Die Renditen amerikanischer wie italienischer zehnjähriger Anleihen stiegen um 15 Basispunkte auf 3,2 und 3,8 %.

Britische Zehnjahresanleihen wiederum erlebten einen Renditeanstieg um 31 Basispunkte auf 2,9 %. Das in einer Regierungskrise befindliche, aus der EU ausgetretene Königreich steht damit unter besonderem Druck: Die Renditen stiegen in den vergangenen zwei Jahren um 1.158 % (Deutschland: +422 %).

Euro bleibt niedrig

Zum Dollar hielt sich die Gemeinschaftswährung in der Vorwoche relativ stabil bei 0,995 Dollar. Gegenüber den wichtigsten Handelspartnern konnte der Euro sogar leicht um 0,7 % zulegen. Insgesamt könnte aber selbst eine hohe Leitzins-erhöhung der EZB den Wechselkurs zum Dollar nicht substanziell verändern, da dieser vom Status des US-Dollar als Leitwährung und von den besseren Aussichten der US-Wirtschaft profitiert.

Preisverfall trotz Pipelineschließung

Markierten die Gas- und Strommärkte Ende August noch neue, ungesehene Höchststände, verzeichnete der Gaspreis in der vergangenen Woche trotz nunmehr unbestimmter Schließung der Pipeline Nord Stream 1 durch Russlands Gazprom einen deutlichen Rückgang. Der niederländische Tagesfuture verlor 42 %, notierte damit aber weiter bei hohen 190,5 Euro pro Megawattstunde. Gleichzeitig ging unter den Erwartungen einer schwachen globalen Entwicklung der Preis für Rohöl zurück. Der europäische Benchmark Brent verlor 8 %.

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Arbeitsmarktlage nach wie vor robust

Ungeachtet der enormen geopolitischen und konjunkturellen Unsicherheiten befindet sich der deutsche Arbeitsmarkt nach wie vor in einer soliden Grundverfassung. Zwar ist die Arbeitslosenzahl im August erneut gestiegen. Maßgeblich hierfür waren jedoch vor allem saisonale Gründe sowie die Erfassung ukrainischer Flüchtlinge. Zudem hält der Aufwärtstrend der Erwerbstätigenzahl an. Gemäß den jüngsten Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) legte die Arbeitslosenzahl gegenüber Juli um 77.000 auf 2,547 Mio. Menschen zu. Der Anstieg fiel damit stärker aus als aufgrund von betrieblichen Sommerpausen und Ausbildungsabschlüssen sonst üblich. Saisonbereinigt kletterte die Arbeitslosenzahl um 28.000, überwiegend aufgrund der Erfassung arbeitsloser ukrainischer Flüchtlinge. Vor diesem Hintergrund setzte sich der leichte Anstieg der saisonbereinigten Arbeitslosenquote fort. Sie stieg von 5,4 % im Juli auf 5,5 % im August.

Die saisonbereinigte Erwerbstätigenzahl ist im August gegenüber dem Vormonat um 23.000 auf 45,594 Mio. Personen gestiegen. Der Zuwachs fiel damit ähnlich stark aus wie im Juli (+25.000), aber deutlich schwächer als noch zu Beginn des Jahres mit Anstiegen von bis zu 77.000 pro Monat. Die anhaltend sehr hohe Nachfrage nach Arbeitskräften lässt für die nahe Zukunft einen weiteren Beschäftigungsaufbau erwarten. Der BAStellenindex BA-X, der die Arbeitskräftenachfrage bundesweit misst, nahm leicht von 134 Punkten im Juli auf 135 Punkte im August zu.

Inflationsrate auf 7,9 % gestiegen

Wie eingangs erwähnt, hat sich die Inflationsrate Deutschlands wieder erhöht. Nach vorläufigen amtlichen Angaben lag der Verbraucherpreisindex (VPI) im August um 7,9 % über seinem Vorjahresmonatswert. Die Inflationsrate hatte bereits im Mai bei 7,9 % gelegen, war dann aber — im Zuge der Einführung des staatlichen Tankrabatts und des 9-Euro-Tickets — im Juni und Juli leicht auf 7,6 % und 7,5 % gefallen. Haupttreiber für die hohen Inflationsrate bleiben die Energiepreise: Haushaltsenergie und Kraftstoffe verteuerten sich im August um 35,6 % und damit ähnlich stark wie im Juli (+35,7 %). Auch die Nahrungsmittelpreise legten weiterhin überdurchschnittlich stark zu. Hier hat sich der Anstieg im Vormonatsvergleich sogar nochmals erhöht (+16,6 % nach +14,8 %), wozu unter anderem die bereits seit längerem sehr hohen Energie-, Düngemittel- und Futtermittelkosten sowie schwache Ernten beigetragen haben dürften. In den kommenden Monaten wird sich der Anstieg der Verbraucherpreise voraussichtlich weiter beschleunigen. Ab September ist alleine wegen des Auslaufens des Tankrabatts und des bundesweit geltenden 9-Euro-Tickets mit einer um rund 1 Prozentpunkt höheren Inflationsrate zu rechnen. Hinzu kommen die geplante Gasumlage sowie die außerordentliche Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 Euro ab Oktober als weitere Preistreiber. Vor diesem Hintergrund wären Inflationsraten von 10 % und mehr zum Jahresende 2022 durchaus denkbar. Umgekehrt plant die Politik weitere Entlastungen, die die Preisentwicklung wiederum dämpfen könnten.

Neuer Inflationsrekordwert im Euroraum

Die Inflationsrate im Euroraum als Ganzes erreichte mit den im August für den amtlichen Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) gemessenen 9,1 % einen neuen Höchststand. Im Juli hatte die Inflationsrate noch bei 8,9 % gelegen. Ähnlich wie hierzulande waren für den jüngsten Anstieg der Gesamtrate vor allem die Nahrungsmittelpreise verantwortlich, die sich kräftiger verteuerten als zuvor (+10,6 % nach +9,4 % im Juli). Endgültige Angaben zur jüngsten Entwicklung der Verbraucherpreise werden für Deutschland am 13. und für den Euroraum am 16. September veröffentlicht.

Weitere Verschlechterung des Euroraum-Wirtschaftsklimas

Der von der EU-Kommission anhand einer Umfrage unter Verbrauchern und Unternehmen ermittelte Wirtschaftsklimaindikator ist im August gegenüber dem Vormonat um 1,3 Punkte auf 97,6 Punkte gesunken. Er befindet sich damit den zweiten Monat in Folge unter seinem langjährigen Mittelwert von 100 Punkten. Innerhalb der Wirtschaft zeigten sich aber teilweise deutlich divergierende Tendenzen. Maßgeblich für den Rückgang des Gesamtindikators war vor allem die Industrie. Hier hat sich die Stimmung im Zuge andauernder Kostenanstiege und anhaltender Unsicherheiten — insbesondere über die künftige Gasversorgung — abermals merklich verdunkelt. Aber auch im Dienstleistungssektor kam es zu einer weiteren deutlichen Verschlechterung, nicht zuletzt wegen der unverminderten Verbraucherpreisanstiege, die die Kaufkraft der Privathaushalte erheblich vermindern. Im Gegensatz dazu hat sich die Verbraucherstimmung etwas aufgehellt. Sie war in den Vormonaten allerdings auch besonders stark gefallen. Insgesamt verdichten sich mit den jüngsten Umfrageergebnissen die Hinweise dafür, dass die konjunkturellen Auftriebskräfte im Euroraum spürbar nachgelassen haben.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR