Aktuelles zu Finanzmärkten und Konjunktur

Wocheninfo vom 12.09.2022

  • EZB erhöht um 0,75 Prozentpunkte
  • Aktien: Pessimismus in Europa
  • Anleihenmärkte im Gleichschritt
  • Euro erreicht Parität
  • Öl- und Gaspreise statisch
  • Schwach ausgefallene Industrieproduktion
  • Weiter rückläufige Auftragseingänge
  • Deutlicher Schwund der Ausfuhren
  • Euroraum-BIP-Zuwachs leicht aufwärtsrevidiert

EZB erhöht um 0,75 Prozentpunkte

Wie im vergangenen Wochen-Info vermutet, erhöhte die EZB in der vergangenen Woche ihre Leitzinsen um 75 Basispunkte. Damit liegt die Hauptrefinanzierungsfazilität nun bei 1,25 % und die Einlagefazilität bei 0,75 %. Das ist nicht nur die höchste Leitzinserhöhung der Geschichte der EZB, sondern auch der höchste Leitzinssatz seit dessen Senkungen während der Europäischen Staatsschuldenkrise im Winter 2011.

Dieser Schritt ist zu begrüßen und ob des hohen Inflationsdrucks notwendig. Gleiches gilt für weitere Zinsschritte in den kommenden Sitzungen der EZB. Christine Lagarde stellte selbige während ihrer Pressekonferenz am Donnerstag, dem 8. September, in Aussicht, betonte aber die Betonung der jeweils aktuellen Lage und Daten für die Ausgestaltung der nächsten Zinsschritte.

Ebenfalls am Donnerstag betonte auch Fed-Präsident Jerome Powell den Kampf gegen die Inflation und kündigte weitere Zinsschritte der US-Notenbank an. Er kombinierte diese mit der Warnung, dass die Märkte nicht von einer baldigen Lockerung der Geldpolitik ausgehen sollten. Die Geschichte habe gelehrt, dass die Geldpolitik nicht verfrüht gelockert werden dürfe. Damit spielte er auf den gescheiterten ersten Versuch der Fed an, die Inflation der späten 70er Jahre zu bekämpfen. Damals hatte Fed-Präsident Paul Volcker den Straffungspfad zu früh verlassen, weshalb die Fed unter seiner Führung die Zinsen erneut – und stärker – erhöhen musste.

Insgesamt stand die Woche somit erneut im Schatten der hohen Inflation. Das gilt insbesondere für Europa, dessen Inflationsprognose die EZB nunmehr auf 8,1 % für 2022 nach oben korrigierte. 2023 geht sie noch von 5,3 % aus. Gleichzeitig hat sie die Wachstumsprognose für die Eurozone gekürzt: 3,1 % in 2022, 0,9 % in 2023.

Entscheidend hierfür bleibt jedoch die Lage am Energiemarkt, insbesondere mit Blick auf die kommenden Winter. Die Kombination aus französischer Atomkrise, dem Mangel an Energie aus Wasserkraft durch die Dürre und die deutsch-europäische Gaskrise stellen hier eine große Belastung dar, zu deren Beratung sich die EU-Energieminister am Freitag trafen. Doch zu einer Entscheidung kam es nicht, die EU will allerdings bis Mittwoch, dem 14. September, einen Vorschlag ausarbeiten. Denn dann wird Ursula von der Leyen ihre Rede zur Lage der Europäischen Union halten.

Aktien: Pessimismus in Europa

Während die US-Märkte zwischen 2,7 (Dow Jo-nes) und 4,1 % (Nasdaq) zulegten, verharrten Euro Stoxx 50 und DAX trotz vorhandener Volatilität auf ihren Niveaus. Der DAX gewann 0,3 % für einen Endstand von 13.088 Punkten, womit er zumindest die psychologische Grenze von 13.000 zum Wochenschluss halten konnte. Belastend wirkt weiterhin die Energiekrise, die die industrielle Produktion und über die Preisanstiege den Konsum bedroht. Die Zinsentscheidung der EZB wirkte eher stabilisierend.

Anleihenmärkte im Gleichschritt

Mit den Leitzinsen stiegen auch die Anleiherenditen im Euroraum. Die Kursverluste nahmen entsprechend zu. Eine Fragmentierung der Märkte blieb bisher aus: Deutsche und italienische zehnjährige Anleihen legten um 18 Basispunkte zu. Das deutet daraufhin, dass zumindest einige Anleger von der Größe des Zinsschrittes der EZB überrascht waren. Die zehnjährige Bundesanleihe liegt nun bei einer Rendite von 1,7 %.

Euro erreicht Parität

Obgleich die gesamtwirtschaftliche Lage der Eurozone weiterhin von der Energiekrise überlagert wird und die Zinserhöhung bereits weitgehend eingepreist war, konnte der Euro gegenüber dem Dollar leicht gewinnen (+0,88 %) und mit 1,00 Dollar pro Euro wieder auf Parität ansteigen. Die Gemeinschaftswährung gewann auch gegen-über dem Korb ihrer wichtigsten Handelspartner leicht.

Öl- und Gaspreise statisch

Trotz Russlands Schließen der Pipeline Nord Stream 1 und der Androhung, kein Öl und Gas mehr nach Europa zu liefern, bis die Sanktionen aufgehoben werden, blieben Öl- und Gaspreise in der vergangenen Woche stabil. Der Ölpreis – gemessen an der Nordseesorte Brent – fiel um 1,5 % auf 91,7 Dollar pro Barrel. Der Tagesfuture am niederländischen Gasmarkt stieg um 0,6 % auf 191,7 Euro pro Megawattstunde. Die schlechten Aussichten der Weltwirtschaft spielen hier hinein. Ein anderer Faktor dürften jedoch Unternehmen sein, die sich aus den Energiemärkten zurückgezogen haben und damit ihre Produktion einstellen werden – oder auf staatliche Intervention hoffen.

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Schwach ausgefallene Industrieproduktion

Die enormen Belastungen durch hohe Energie- und Rohstoffpreise, andauernde Material- und Personalknappheiten sowie wirtschaftlichen Unsicherheiten schlagen sich zunehmend nicht nur in den „weichen“ Stimmungsindikatoren wie dem ifo Geschäftsklimaindex und den ZEW-Konjunkturerwartungen nieder, sondern auch in den „harten“ Angaben der amtlichen Statistik. So ist die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes Deutschlands im Juli gesunken. Gegenüber dem Vormonat gab sie preis-, kalender- und saisonbereinigt um 1,0 % nach. Damit wurde der Anstieg vom Juni (+1,3 %) zum größten Teil wieder zunichte gemacht. Ausschlaggebend für den Rückgang war die Entwicklung in den für die Gesamtproduktion wichtigen Bereichen Kfz und Kfz- Teile (-4,6 %) sowie Maschinenbau (-1,5 %), im Zuge anhaltender Materialengpässe. Aber auch die besonders energieintensiven Wirtschaftszweige chemische Erzeugnisse (-2,2 %), Metallerzeugung und -bearbeitung (-0,6 %), die Herstellung von Glas, Glaswaren und Keramik (- 0,9 %) sowie Papier und Pappe (-4,3 %) verzeichneten vielfach überdurchschnittliche Rückgänge. Im Baugewebe konnte die Produktion dagegen um 1,4 % ausgeweitet werden. Die Bauproduktion war in den Vormonaten aber kontinuierlich gesunken, im Juni um 0,9 %.

Weiter rückläufige Auftragseingänge

Ähnlich wie viele Stimmungsindikatoren lässt auch der Verlauf der industriellen Auftragseingänge für die kommenden Monaten eine weitere Verschlechterung der Industriekonjunktur erwarten. Die Neuaufträge sind im Juli bereits den sechsten Monat in Folge zurückgegangen. Sie verminderten sich gegenüber Juni preis-, kalender- und saisonbereinigt um 1,1 %. Haupttreiber des weiteren Aufragschwunds waren die Inlandsorders, die um 4,5 % nachgaben, während die Bestellungen aus dem Ausland um 1,3 % stiegen. In den gewichtigen Bereichen Kfz/Kfz-Teile und Maschinenbau sanken die Auftragseingänge um 0,3 % bzw. 4,1 %. Bei elektrischen Ausrüstungen kam es jedoch zu einem kräftigen Orderzuwachs. Entgegen dem allgemeinen Trend nahmen hier die Bestellungen um 18,7 % zu, gestützt durch die voranschreitende Digitalisierung in vielen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Entscheidend für die weitere Entwicklung der Industriekonjunktur dürfte neben der allgemeinen Gasversorgungslage vor allem das künftige Ausmaß der Materialengpässe sein. Hier kam es jüngst offenbar zu einer leichten Entspannung. Nach Angaben des ifo Instituts ist der Anteil der Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, die über Materialknappheiten berichten, im August leicht zurückgegangen. Der Anteil verminderte sich von 73,3 % im Vormonat auf 62,0 %.

Deutlicher Schwund der Ausfuhren

Nicht nur die amtlichen Industriedaten, auch die Angaben zum deutschen Außenhandel fielen im Juli überwiegend schwach aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sanken die Ausfuhren gegenüber Juni kalender- und saisonbereinigt um 2,1 % auf 131,3 Mrd. Euro. Auch die Einfuhren gaben nach, mit einer Verlaufsrate von 1,5 % aber etwas weniger deutlich als die Warenexporte. In den Vormonaten hatten sowohl die Ausfuhren als auch die Einfuhren noch stetig zugelegt, befördert von kräftig steigenden Preisen. Stimmungsindikatoren wie die ifo Exporterwartungen lassen für die nahe Zukunft eine weitere Abschwächung des grenzüberschreitenden Handels erwarten. Die ifo Exportwartungen sind im August auf -2,7 Punkte gefallen, nachdem sie im Juli noch bei -0,4 Punkten gelegen hatten.

Euroraum-BIP-Zuwachs leicht aufwärtsrevidiert

Eurostat hat inzwischen detaillierte Angaben zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung des Euroraums für das 2. Quartal vorgelegt und dabei das zentrale Ergebnis seiner vorherigen Angaben etwas nach oben korrigiert. Demnach ist das preis-, kalender- und saisonbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal nicht um 0,6 %, sondern um 0,8 % gestiegen. Das Wirtschaftswachstum hat sich damit gegenüber dem Jahresauftaktquartal (+0,7 %) minimal beschleunigt – trotz der nunmehr voll berücksichtigen Belastungen durch den Ukrainekrieg. Maßgeblich für den BIP-Anstieg waren in erster Linie die Konsumausgaben der privaten Haushalte, die im Zuge der Rückführungen von Pandemiebeschränkungen kräftig zulegten, um +1,3 %. Merkliche Wachstumsimpulse gingen aber auch von den Bruttoanlageinvestitionen (+0,9 %) und den staatlichen Konsumausgaben (+0,6 %) aus. Der Außenhandel hat den BIP-Zuwachs hingegen etwas vermindert, da die Importe (+1,8 %) deutlicher expandierten als die Exporte (+1,3 %). Ursächlich dürften auch die Energiepreise sein. Die Eintrübung wichtiger Stimmungsindikatoren, wie die des Wirtschaftsklimas der EU-Kommission, lassen für die zweite Jahreshälfte ein spürbares Nachlassen der konjunkturellen Auftriebskräfte erwarten.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR