Aktuelles zu Finanzmärkten und Konjunktur

Wocheninfo vom 18.07.2022

  • EZB-Entscheidung unter schwierigen Vorzeichen
  • Aktien: Rezessions-, Kriegs- und Zinssorgen
  • Anleihespreads weiten sich
  • Euro auf Parität zum Dollar
  • Rohstoffpreise weiter rückläufig
  • Gassorgen lassen ZEW-Konjunkturerwartungen erneut einbrechen
  • Noch unauffälliges Insolvenzgeschehen
  • Leichter Rückgang der Inflationsrate bestätigt
  • Höhere Euroraum-Industrieproduktion

EZB-Entscheidung unter schwierigen Vorzeichen

Am kommenden Donnerstag, dem 21. Juli, wird die EZB angesichts der hohen Inflationsraten die erste Zinserhöhung seit dem 13. Juli 2011 vornehmen. Aller Voraussicht nach wird dieser Zins-schritt nur 25 Basispunkte umfassen. So hat es die EZB bereits auf ihrer letzten Sitzung angekündigt und entsprechend haben sich ihre Vertreter auch zuletzt noch geäußert.

Dieser kleine Zinsschritt folgt der extrem vorsichtigen Verhaltensweise der EZB. Sie sieht sich einem aufgeladenen Spannungsfeld aus Ukraine-krieg, Energieengpässen, hohen Rohstoffpreisen, überlasteten Lieferketten und politischen Unsicherheiten gegenüber. Diese Faktoren erschweren die Inflationsprognose wie auch die Durch-führung geldpolitischer Maßnahmen.

Dennoch wäre ein stärkeres Signal der EZB von 0,5 % zu begrüßen. Damit würde zum einen der Negativzins abgeschafft, zum anderen aber eine wichtige Gegenreaktion zur Eurozoneninflation von zuletzt über 8 % und der Schwäche des Euro zum Dollar geliefert. Das gilt umso mehr, da viele Rohstoffe – und damit die Inflationstreiber der EU – in Dollar gehandelt werden und eine schwächere Gemeinschaftswährung den Import von Inflation bedeutet. Die Marktspekulationen, dass die US-Notenbank Fed in ihrer nächsten Sitzung am 26. oder 27. Juli den Leitzins um einen ganzen Prozentpunkt anheben könnte, erhöht diese Ge-fahr noch.

Erschwert wird die Geldpolitik der EZB zudem von den politischen und Finanzmarktunsicherheiten des Euroraums. Beide Themen fokussieren sich gegenwärtig auf Italien, dessen Regierungs-chef Mario Draghi infolge politischen Taktierens der Partei „Fünf Sterne“ seinen Rücktritt ein-reichte, den der Staatschef allerdings ablehnte. Zudem wählt das Land im kommenden Frühjahr. Die politische Lage ist entsprechend unsicher. Gleichzeitig steigen aufgrund der Erinnerungen an die Eurokrise, der wirtschaftlichen Fundamentaldaten und der politischen Situation die Zinsabstände zwischen Italien und Deutschland. Beide Staaten werden als stellvertretend für ihre Regionen aus Finanzkrisenzeiten – Süd und Nordeuropa – gesehen. Die Bemühungen der EZB, bis zur Sitzung am 21. Juli ein Antifragmentierungs-instrument gegen fundamental unberechtigte Zinsabstände zu konzipieren, werden durch diese überlappenden Risikofaktoren erschwert.

Aktien: Rezessions-, Kriegs- und Zinssorgen

Die globalen Aktienmärkte beendeten die vergangene Woche einmal mehr im Minus, wenn-gleich nur leicht. Der Nasdaq fiel um 1,6 %, der S&P 500 um 1 %, der Dow Jones blieb stabil (-0,2%). Der chinesische Shanghai Composite gab 3,8 % ab. Der DAX entwickelte sich ähnlich mit einem Rückgang auf 12865 Punkte oder – 1,2 %; der Euro Stoxx 50 schloss mit 0,8 % Minus.

Anleihespreads weiten sich

Die Rendite der deutschen zehnjährige Staatsanleihe ging in der zurückliegenden Woche um 15,7 Basispunkte, was einer Rendite von nunmehr 1,18 % entspricht. Gleichzeitig nahm die Rendite der italienischen zehnjährigen Anleihe um 4,5 Basispunkte auf 3,4 % zu. Dies geschah gegen den generellen Trend am Markt, denn trotz der diskutierten größeren Zinsschritte der Fed sank die Rendite der zehnjährigen US-Papiere von 3,1 auf 2,9 %. Hierin spiegeln sich die Sorgen um eine kommende Rezession, die perspektivisch die Zins-erhöhungen der Fed unter dem gegenwärtig er-warteten Niveau stoppen könnte. Zudem sorgt die Unsicherheit weiterhin für eine Flucht der An-leger in sicherere – und durch die jüngsten Zins-anstiege attraktiver gewordenen – Staatsanleihen.

Euro auf Parität zum Dollar

Der Euro beendete die zweite Juliwoche mit leichten Verlusten von 0,9 % ungefähr auf Parität zum Dollar bei 1,009. Das ist weiterhin erstmalig seit den Anfangszeiten der Währungsunion 2002. Auch gegenüber dem breiteren Korb der Währungen seiner wichtigsten Handelspartner verlor der Euro 0,3 %. Die gegenwärtige Schwäche des Euro dürfte fortbestehen, denn sie basiert auf fundamentalen Faktoren: Der schärferen Zins-wende in den USA und den bestehenden sowie drohenden Belastungen durch den Ukrainekrieg.

Rohstoffpreise weiter rückläufig

Das globale Konjunkturumfeld trübt sich weiter ein. Die chinesische Wirtschaft wuchs im 2. Quartal zum Vorjahreszeitraum um schwache 0,4 %, schrumpfte zum Vorquartal um 2,6 %. In den USA erhöhen die großen Zinsschritte der Fed die Re-zessionssorgen, in Europa erzielt der drohende Gaslieferstopp Russlands diese Wirkung. Rezessionen bedeuten sinkenden Rohstoffbedarf. Entsprechend verhalten sich bereits die Preise: Brent-Öl kostete am 15. Juli mit 112 Dollar pro Barrel 1,5 % weniger als zuvor; der US-Benchmark WTI hatte parallel 6,7 % verloren.

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Gassorgen lassen ZEW-Konjunkturerwartungen erneut einbrechen

Die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutsch-land sind im Juli sichtlich gesunken, nachdem sie sich zuvor auf niedrigem Niveau etwas stabilisiert hatten. Der anhand einer monatlichen Umfrage unter Finanzmarktfachleuten ermittelte Indikator verminderte sich gegenüber Juni um 25,8 auf -53,8 Punkte. Auch die aktuelle Lage wurde von den Umfrageteilnehmern schlechter bewertet. Der entsprechende ZEW-Lage-Indikator sank um 18,2 auf -45,8 Punkte. Sowohl der Lage- als auch der Erwartungsindikator befinden sich damit unter den Ständen, die im März 2020 zu Beginn der Coronakrise erreicht wurden. Hauptgrund für die erneute Eintrübung der Konjunkturerwartungen dürfte die Furcht um die inländische Gasversorgung sein. So ist unklar, ob Russland nach den am 11. Juli begonnen, routinemäßigen Wartungsarbeiten an der Nord Stream 1-Pipeline seine Gas-lieferungen nach Deutschland wieder hoch fahren wird. Sollte es zu einem weitreichenden Gaslieferstopp kommen, würde die deutsche Wirtschaft wahrscheinlich in eine deutliche Rezession abgleiten.

Noch unauffälliges Insolvenzgeschehen

Das schwieriger gewordene Konjunkturumfeld spiegelt sich bislang kaum in den Insolvenzdaten des Statistischen Bundesamtes wider. Derzeit ist das Insolvenzgeschehen noch als unauffällig zu bezeichnen. Im April sind die beantragten Unternehmensinsolvenzen gegenüber dem Vormonat leicht um 46 auf 1.248 Fälle gesunken. Die seit dem lokalen Tiefpunkt vom August 2021 fest-stellbare leichte Aufwärtsbewegung hat sich da-mit zunächst nicht weiter fortgesetzt. Auch der amtliche Schnellindikator zu den Regelinsolvenzen, der Hinweise auf die weitere Entwicklung der Firmenpleiten gibt, ist jüngst zurückgegangen. Der Indikator sank im Juni gegenüber dem Vormonat um 7,6 %, nachdem er im Mai um 8,4 % gestiegen war. Die Zahl der Verbraucherinsolvenzen hat sich im April um 1.271 auf 5.168 Fälle vermindert, nachdem sie in den beiden Vor-monaten in ähnlicher Größenordnung zugenommen hatte. Die Verbraucherinsolvenzen tendieren seit März 2021 nach unten, einem lokalen Höchststand, den sie im Zuge der schrittweisen Verkürzung von Restschuldbefreiungsverfahren von sechs auf drei Jahre erreicht hatte. In naher Zukunft ist wegen der schwachen Konjunktur und der stark gestiegenen Verbraucher- und Erzeugerpreise, die die Finanzlage vieler Privathaus-halte und Unternehmen stark beeinträchtigen, eher mit höheren als mit niedrigeren Insolvenz-zahlen zu rechnen. Für steigende Firmenpleiten spricht auch, dass sich diese im langjährigen Ver-gleich auf einem niedrigen Niveau befinden. Entscheidend für den künftigen Verlauf der Insolvenzen dürfte neben der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung auch der Umfang neuerlicher staatlicher Hilfs- und Entlastungsmaßnahmen sein.

Leichter Rückgang der Inflationsrate bestätigt

Nach aktuellen Angaben des Statistischen Bundesamtes hat sich der kräftige Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland im Juni etwas ab-geschwächt. Die auf dem Verbraucherpreisindex (VPI) basierende Inflationsrate ist von 7,9 % im Mai auf 7,6 % gesunken. Die Wiesbadener Statistiker haben damit das zentrale Ergebnis ihrer Ende Juni veröffentlichten vorläufigen Schätzungen bestätigt. Ausschlaggebend für diesen ersten Rückgang der Inflationsrate im laufenden Jahr war die Einführung des 9-Euro-Tickets und des Tankrabatts als Bestandteile eines staatlichen Entlastungspaketes. Beide Bestandteile haben maßgeblich zum Rückgang der Preise für Verkehr von 16,3 % im Mai auf 8,3 % im Juni beigetragen. Allerdings lassen sich die Folgen des Tankrabatts auf die Gesamtentwicklung nicht exakt beziffern, da die Rohölnotierungen, als wichtige Einflussgröße, zeitgleich mit dessen Einführung stiegen. Insgesamt legten die Energiepreise im Juni um 38 % zu, nachdem sie im Mai um 38,3 % gestiegen waren. Energie bleibt damit der Haupttreiber für die hohen Inflationsraten. Im Gegensatz zu den Energie-preisen sind die Nahrungsmittelpreise im Juni erneut stärker gestiegen als zuvor (+12,7 % nach +11,1 % im Mai). Überdurchschnittliche Anstiege waren hier in den Nahrungsmittelgruppen Speisefette und Speiseöle (+43,1 %), Fleisch und Fleischwaren (+18,9 %) sowie Molkereiprodukte und Eier (+15,3 %) zu verzeichnen. Mit dem Weg-fall der EEG-Abgabe könnte die Inflationsrate im Juli erneut leicht sinken.

Höhere Euroraum-Industrieproduktion

Die Euroraum-Industrieproduktion hat sich im Mai weiter von dem Rückgang vom März erholt. Gemäß vorläufigen Berechnungen von Eurostat legte der Ausstoß gegenüber dem Vormonat preis-, kalender- und saisonbereinigt um 0,8 % zu. Sollte ein weitergehender Gaslieferstopp aus Russland ausbleiben, dürfte die Industriekonjunktur im Euroraum zunächst robust bleiben. Für eine anhaltend robuste Entwicklung spricht auch der Orderindikator, der sich im Juni mit 9,8 Punkten noch immer auf einem vergleichsweise hohen Stand befindet.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR