Aktuelles zu Finanzmärkten und Konjunktur

Wocheninfo vom 23.01.2023

  • Glauben die Märkte den warnenden Notenbanken nicht?
  • Aktien: Abwarten nach starkem Jahresauftakt
  • Anleihen: weiterhin Gleichschritt mit Aktien
  • Devisen: Euro stabilisiert bei 1,086 Dollar
  • Rohstoffe: Der milde Winter entspannt die Lage
  • Konjunkturerwartungen hellen sich weiter auf
  • Hohe Inflationsrate des Jahres 2022 bestätigt
  • Euroraum-Inflationsrate ebenfalls bestätigt
  • Auftragsbestände leicht zurückgegangen

Glauben die Märkte den warnenden Notenbanken nicht?

Seit die Verbraucherpreisinflation beiderseits des Atlantiks fällt, preisen die Märkte wieder geringere Leitzinserhöhungen ein. Sie rechnen teil-weise bereits Ende 2023 mit ersten Leitzinssen-kungen. Andererseits warnen Zentralbankiers fortwährend vor der anhaltend hohen Inflation und verkünden, diese mit höheren Zinsen zu bekämpfen, um das Zweiprozentziel zu erreichen. Diese beiden Sichtweisen sind schwer vereinbar.

Nicht erst seit ihren letzten Erhöhungen im Dezember erklären die Notenbanken, dass sie das erreichte höhere Zinsniveau länger halten wollen. Am 12. Januar erklärte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane in einem Interview mit der Financial Times erneut, in der Eurozone bestehe ein Risiko für Zweitrundeneffekte. EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnte auf dem Weltwirtschaftsforum, die EZB werde lange genug restriktive Geldpolitik betreiben, um das Zweiprozentziel zu erreichen. Beide, vor allem Lagarde, stellten weitere, auch größere Zinsschritte in Aussicht

Die Märkte hingegen preisen bisher primär die guten Nachrichten ein: Die hohen Gaslagerstände in der EU trotz ausbleibender russischer Lieferungen und die sinkenden Raten der Verbraucherpreisinflation, auch aufgrund von Basiseffekten.

Die relevante Größe der Notenbanken ist aber die Kerninflation (ohne Energie, Nahrung, Alkohol und Tabak), die in der Eurozone im Dezember bei 5,2 % lag. Damit übertraf sie sowohl den Wert des Vormonats (5,0 %) als auch deutlich das Zweiprozentziel der EZB. Die aufgehellten Konjunkturaus-sichten sollten hinsichtlich dieser Werte eher warnend wirken. Denn bleibt die Wirtschaft stabil, sind weitere Lohnerhöhungen und neuerliche Angebotsengpässe zu erwarten. Beides würde die Inflation wieder antreiben.

Die Märkte machen sich diese Risiken bisher nicht zu eigen – oder sie zweifeln an den Aussagen der Notenbanken. Nach acht Jahren sehr niedriger Zinsen und den Interventionen der Finanz-, Staatsschulden- und Coronakrise sind sie auch an expansive Geldpolitik gewöhnt.

Diese Konstellation ist gefährlich, denn die Erwartung der Märkte, dass die Notenbanken ihre ei-genen Warnungen nicht beherzigen werden, könnte deren Willen verstärken, genau das zu tun. Täten sie es nicht und fällt die Inflation nicht schnell auf 2 %, wäre ihre Glaubwürdigkeit definitiv angeschlagen.

Aktien: Abwarten nach starkem Jahresauftakt

Der DAX begann das Jahr mit 13.923,6 Punkten und stieg bis zu diesem Dienstag, dem 18. Januar, auf 15.187 Punkte. Zum Börsenschluss am Freitag, dem 20. Januar, fiel er jedoch auf 15.033 Punkte zurück – eine Veränderung von -0,35 % über die Woche. Die Jahresanfangsrallye scheint damit zu enden; trotz aufgehellter Konjunkturdaten.

Anleihen: weiterhin Gleichschritt mit Aktien

Mit den Aktienkursen erholten sich auch die von Anleihen. Die Rendite der zehnjährigen deutschen Bundesanleihe sank um 2,8 Basispunkte auf 2,17 %, wieder deutlich unter den 2,56 % zum Jahresende 2022. Auch die Rendite der gleichlangen US-Anleihe fiel seit Jahresbeginn, um 34,7 Basispunkte. Hinter diesen Tendenzen stehen die eingangs erwähnten Markterwartungen, die Zinspfade der Notenbanken würden weniger restriktiv ausfallen als von diesen angekündigt.

Devisen: Euro stabilisiert bei 1,086 Dollar

Die Gemeinschaftswährung stagnierte im Wochenverlauf beim Wert von 1,086 Dollar. Damit liegt der Euro mittelfristig betrachtet auf niedrigem Niveau. Verglichen mit dem Tiefstand von 0,98 Dollar zum Höhepunkt von Energiekrise und Zinswende erholte er sich damit deutlich.

Rohstoffe: Der milde Winter entspannt die Lage

Die Preise für den Tagesfuture der Megawattstunde Erdgas stiegen in der vergangenen Woche zwar um 8,1 %. Am Freitagnachmittag kostete die Megawattstunde damit jedoch 68,4 Euro, 9,5 % weniger als zum Jahresbeginn. Von den Höchstständen (330 Euro) des vergangenen Sommers ist Erdgas damit sehr weit entfernt. Gleiches gilt jedoch für die niedrigen Stände während der Coronapandemie, als die Megawattstunde zeitweise 20 Euro oder weniger Euro kostete. Den-noch haben die Einsparbemühungen, die alternative Beschaffung und vor allem der milde Winter die Krise vorerst entschärft.

Jedoch müssen die Lager dennoch wieder befüllt werden. Ebenso muss die laufende Versorgung sichergestellt werden. In beiden Bereichen wird Europa 2023 stärker mit China konkurrieren müssen, das aus seiner Nullcovidpolitik ausstieg. Diese hatte den Verbrauch in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gedämpft. Erste Anzeichen hierfür zeigen sich womöglich beim Ölpreis, der seit Jahresanfang wieder steigt. In dieser Woche verteuerte sich der Barrel Rohöl der Nordseesorte Brent um 4,2 % auf 86,96 Dollar.

Newsletter - Immer topaktuell informiert sein.

Sie möchten nichts verpassen? Dann abonnieren Sie doch einfach unsereren Newsletter.

 

mehr

Konjunkturerwartungen hellen sich weiter auf

Zu Jahresbeginn wurden die wirtschaftlichen Perspektiven Deutschlands von Finanzmarktfachleuten deutlich besser beurteilt als zuvor. Die auf einer monatlichen Umfrage unter diesen Fachleuten beruhenden ZEW-Konjunkturerwartungen stiegen im Januar sichtlich um 40,2 Punkte auf 16,9 Punkte. Damit überwiegen erstmals seit Februar 2022 wieder die Meldungen von Experten, die in den nächsten sechs Monaten eine Besserung erwarten, jene, die für das nächste halbe Jahr mit einer Verschlechterung rechnen. Die ZEW-Konjunkturerwartungen tendieren bereits seit ihrem im September 2022 erreichten lokalen Tiefpunkt nach oben. Maßgeblich für die jüngste Aufhellung der Konjunkturerwartungen dürfte neben der Entspannung an den Energiemärkten und den in Kraft getretenen staatlichen Energiepreisbremsen die Anfang Januar vollzogene Abkehr der chinesischen Regierung von der strikten Null-Covid-Politik sein. Der Wegfall der Infektionsschutzmaßnahmen in China dürfte zumindest die Exportchancen der deutschen Wirtschaft perspektivisch merklich erhöhen. Neben den Erwartungen haben die Umfrageteilnehmer auch die aktuelle Lage Deutschlands insgesamt besser bewertet. Der entsprechende ZEW-Lageindikator stieg um 2,8 Punkte. Er befindet sich mit -58,6 Punkten aber nach wie vor tief im negativen Bereich. Insgesamt stützen die jüngsten Umfrageergebnisse die Prognose des BVR, dass die gesamtwirtschaftlichen Auftriebskräfte ab dem Frühjahr 2023 wieder stärker in Erscheinung treten werden.

Hohe Inflationsrate des Jahres 2022 bestätigt

Das Statistische Bundesamt hat inzwischen endgültige Angaben zur Entwicklung der Verbraucherpreise im vergangenen Jahr veröffentlicht und dabei das Ergebnis seiner Anfang Januar vorgelegten ersten Schätzungen bestätigt. Demnach lag die Inflationsrate, gemessen am Verbraucherpreisindex (VPI), mit 7,9 % im Jahresdurchschnitt 2022 erheblich über ihrem Vorjahreswert von 3,1 %. Einen vergleichbar hohen Anstieg der Preise für die Lebenshaltung hatte es in der Bundesrepublik zuletzt im Jahr 1951 mit 7,6 % gegeben. Maßgeblich für die enorme Gesamtteuerung waren die Energie- und Nahrungsmittelpreise, die um außerordentliche 34,7 % und 13,4 % stiegen. Die Preisdynamik war bereits im Januar mit einer Inflationsrate von 4,9 % sehr kräftig. Sie beschleunigte sich im Zuge des Krieges gegen die Ukraine sowie der andauernden Lieferengpässe weiter und führte im Oktober zu einem Jahreshöchststand der Inflationsrate von 10,4 %. Die Gesamtteuerung wäre allerdings noch höher ausgefallen, wenn der Staat nicht durch Entlastungsmaßnahmen gegengesteuert hätte. Zu nennen sind hier beispielsweise das 9-Euro-Ticket und der Tankrabatt, die in den Monaten Juni bis August wirkten, sowie die einmalige Übernahme der Gas- und Wärmerechnungen im Dezember. Im Dezember haben sich die Verbraucherpreise um 8,6 % verteuert. In naher Zukunft dürfte die Inflationsrate, wie erläutert, zunächst noch erhöht bleiben. Hierauf deuten auch die Erzeugerpreise gewerblicher Güter hin. Deren Teuerungsrate hat sich zwar weiter vermindert, von 28,2 % im November auf 21,6 % im Dezember. Der Anstieg der Erzeugerpreise liegt aber noch immer über dem Anstieg der Verbraucherpreise.

Euroraum-Inflationsrate ebenfalls bestätigt

Auch für den Euroraum wurden die jüngsten vorläufigen Angaben zur Entwicklung der Verbraucherpreise bestätigt. Die Inflationsrate des Währungsraums, gemessen am Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI), ist von 10,1 % im November auf 9,2 % im Dezember gesunken. Im Jahresdurchschnitt 2022 lag sie bei 8,4 %.

Auftragsbestände leicht zurückgegangen

Ausgehend von einem sehr hohen Niveau haben sich die Auftragsbestände im Verarbeitenden Gewerbe Deutschlands etwas vermindert. Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, sanken die Bestände im November gegenüber dem Vormonat kalender- und saisonbereinigt um 1,2 %. Verantwortlich für den Rückgang dürften vor allem zwei Faktoren gewesen sein. Zum einen sind die Neuaufträge im November gegenüber dem Vormonat preis-, kalender- und saisonbereinigt um 5,3 % gesunken (siehe Abb.). Hauptgrund hierfür war die Bestellungen aus dem Ausland (-8,1 %), die sichtlich stärker nachgaben als die Inlandsorders (-1,1 %). Zum anderen konnte das Verarbeitende Gewerbe im November wegen nachlassender Lieferkettenprobleme die vorhandenen Aufträge einfacher abarbeiten als zuvor. Die Produktion des Wirtschaftsbereichs expandierte mit einer monatlichen Verlaufsrate von 0,5 %, gestützt insbesondere durch Produktionsausweitungen in der gewichtigen Kfz/Kfz-Teile-Branche. Trotz des jüngsten Rückgangs befinden sich die Auftragsbestände nach wie vor auf einem sehr hohen Stand. Wenn die Lieferkettenprobleme weiter nachlassen, dürfte das Abarbeiten der Aufträge merkliche Wachstumsimpulse für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung freisetzen.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR