Die Kultur- und Kreativszene in der Pandemie

14.10.2020

von Susanne Litty
Illustration © Amu, Sven Lubenau

Die Kultur- und Kreativszene ist ein Schmelztiegel des künstlerischen und kulturellen Schaffens und trägt zudem unmittelbar zur Stiftung kultureller Identität und Diversität bei. Gleichzeitig ist sie aber auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Seit 2014 verzeichnet die Kultur- und Kreativwirtschaft ein kontinuierliches Wachstum und macht laut aktuellen Statistiken des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie bei einem Gesamtumsatz von knapp 170 Mrd. € rund 3 % des Bruttoinlandproduktes aus. Auch regional macht sich das bemerkbar, denn rund ein Drittel des Berliner Tourismus entfällt beispielsweise auf das Nachtleben mit seinen zahlreichen Spielstätten, Konzerthallen und Clubs – alles Teil der Kreativwirtschaft und dadurch wichtiger Standortfaktor. Die Branche ist vielfältig – so ist es aber auch ihre Existenzgrundlage.

Foto: Nadine Becker
Nadine Becker, freiberufliche Kultur- und Künstlermanagerin

Viele Kreativschaffende arbeiten selbstständig oder auf Projektbasis und die Einnahmen können saisonabhängig sein. So auch bei Nadine Becker. Die freiberufliche Kultur- und Künstlermanagerin arbeitet mit Akteuren und Kollektiven aus den Bereichen Tanz, Theater und Kunst für Projekte, die hauptsächlich für den öffentlichen Raum konzipiert sind. "Ich verdiene mein Geld vor allem damit, dass ich viel auf Tournee und international unterwegs bin. Dabei ist der Sommer meine Haupteinnahmequelle und finanziert die restlichen Monate mit", so Nadine Becker. Seit März habe sie nun quasi keinen Job mehr, wie sie berichtet. Im Zuge der Covid-19-Pandemie ist es für viele Kreativ- und Kulturschaffende durch das fast vollständige Zurückfahren des öffentlich-kulturellen Lebens und der Schließung von damit verbundenen Wirkungs- und Arbeitsstätten noch heraufordernder geworden, ihr Einkommen zu sichern, da Einnahmen nicht nur kurz- sondern auch längerfristig entfallen können: "Wenn Konzerte ausfallen, entgeht mir nicht nur die Gage, mit der ich unmittelbar geplant habe, sondern ebenso die Urheberrechtstantiemen im darauffolgenden Jahr", erzählt Alexander Dommisch, der als Musiker und Produzent tätig ist und darüber hinaus ein eigenes Musiklabel betreibt. Auch die Labeltätigkeit sei von Corona unmittelbar betroffen, so Alexander Dommisch. "Veröffentlichungen und Live-Auftritte gehen in der Regel Hand in Hand."

Die Soforthilfemaßnahmen von Land und Bund

Die erste Unterstützung, die die Folgen von Covid-19 abmildern sollte, stellten die Soforthilfepakete Corona II, IV und zuletzt das Paket IV 2.0 dar, die aus Landes- sowie Bundesmitteln finanziert worden sind. Das erste Hilfspaket, Corona II, startet noch im März und sollte insbesondere Klein- und Kleinstunternehmen sowie Soloselbstständige und Freiberufler mit einem einmaligen Zuschuss zu Lebens-, Unterhalts- und Betriebskosten möglichst unbürokratisch unterstützen, um die berufliche und betriebliche Existenz zu sichern. "Kreativ Kultur Berlin" – das Beratungszentrum für Kulturförderung und Kreativwirtschaft der Kulturprojekte Berlin GmbH, fungierte hierbei als beratende Schnittstelle zwischen den Antragsstellenden und den dabei involvierten Institutionen, speziell der Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie der Investitionsbank Berlin (IBB). 

Foto: Melanie Seifart
Melanie Seifart, Projektkoordinatorin bei "Kreativ Kultur Berlin"

"Vor allem zu Beginn der Soforthilfe II, die glücklicherweise relativ schnell gestartet ist, gab es viele offene Fragen in Bezug auf Antragsberechtigungen und -modalitäten, da in den ersten Tagen der Antragstellung keine offiziellen Hilfestellungen abrufbar waren", erzählt Melanie Seifart, Projektkoordinatorin der Kreativwirtschaftsberatung Berlin bei "Kreativ Kultur Berlin". "Wir haben dann in Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung einen Antwortenkatalog für die häufigsten Fragen erstellt und ein Antragstutorial zur Verfügung gestellt. Seitdem sind wir offizieller Beratungspartner, unter anderem für die Soforthilfe IV sowie Soforthilfe IV 2.0," sagt Melanie Seifart. "Nun können wir einen direkten Informationsfluss zwischen dem Senat und der Investitionsbank Berlin mit den Menschen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, die zur Beratung zu uns kommen, gewährleisten. Auf unserer Community-Plattform "Creative City Berlin" haben wir bereits in den ersten Tagen der Corona-Pandemie einen Artikel mit Hinweisen zu aktuellen Hilfemaßnahmen und Unterstützungsmöglichkeiten online gestellt, der bis zum heutigen Tag aktualisiert wird und einen Überblick über alle aktuellen Coronahilfemaßnahmen auf Bundes- und Landesebene gibt."

Normalerweise berät und unterstützt das Beratungszentrum mit zwei spezialisierten Teams Kreative und Kulturschaffende zu den Themenschwerpunkten "Finanzierung und Förderung von Projekten" (Team "Kulturförderpunkt Berlin") sowie "Gründung und Selbstständigkeit"(Team "Kreativwirtschaftsberatung Berlin"). 

Im Zuge von Covid-19 stand auf einmal die gesamte Branche vor ähnlichen Herausforderungen

Melanie Seifart

Im Zeitraum von März bis August habe das Beratungszentrum dabei neben den regulären Beratungen und Veranstaltungen knapp 700 Einzelberatungen zu den Soforthilfen durchgeführt und mehr als 1.000 Teilnehmende in Online-Sprechstunden informiert, obwohl es vorher gar keine digitalen Beratungsangebote gegeben habe: "Innerhalb von rund zwei Wochen haben wir das erste Online-Gruppenberatungsformat auf die Beine gestellt. Bis heute bieten wir sowohl Beratungen als auch Informationsveranstaltungen digital an. Das ist ein positiver Effekt der vergangenen Monate, denn wir merken gerade, dass bestimmte Formate online sogar besser funktionieren. Zum Beispiel Gruppenberatungsformate."

Eine Auswahl weiterführender Beratungsangebote sowie Direktlinks zu Förderprogrammen für Kreativ- und Kulturschaffende:

Online-Beratungsangebote der Kreativwirtschaftsberatung von Kreativ Kultur Berlin:

https://www.kreativwirtschaftsberatung-berlin.de

Förderfinder des Kulturförderpunkt Berlin

https://www.kulturfoerderpunkt-berlin.de/nc/foerderfinder/

Datenbank zu Kulturförderprogrammen für Berliner Kulturschaffende, Künstler, Projektinitiatoren, Vereine und Akteure der freien Szene. Zuwendungsprogramm "Neustart Kultur" der Bundesregierung:

https://neustartkultur.de/

Zentrale Fördereinrichtung "Initiative Musik":

https://www.initiative-musik.de/

DIS-Tanz Förderprogramm:

https://www.dis-tanzen.de/home

Beratungstermine für musikspezifische Förderprogramme:

https://www.initiative-musik.de/termine/

Weitere Überbrückungshilfen und die Notwendigkeit von resilienten Geschäftsmodellen

Nadine Becker und Alexander Dommisch haben beide als Soloselbstständige unter anderem die Soforthilfe II in Anspruch genommen: "Mir hat es zunächst extrem geholfen mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, nachdem seit März oder April alle geplanten Auftritte abgesagt worden sind, mit deren Honoraren ich geplant hatte", erzählt Alexander Dommisch.

Doch wie kann und wird es nun weitergehen, wo doch ein Ende der Corona-Pandemie derzeitig noch nicht in Sicht ist? "Man streckt die Fühler gerade in jede Richtung aus. Doch wie es wirklich aussieht: Das steht noch alles auf wackligen Beinen in der Kulturszene", sagt Nadine Becker. Sie habe neben der Soforthilfe II zudem über das durch "Neustart Kultur" finanzierte und auf Tanz ausgerichtete Programm DIS-TANZEN eine weitere Hilfe erhalten, "um irgendwie wieder zu starten", wie sie sagt. Je länger die Situation andauert, desto mehr Bereiche und Betriebe werden auf kurz oder lang direkt betroffen sein. Selbst dann, wenn es immer wieder kreative Ansätze und Zusammenschlüsse ganzer Branchenbereiche gibt, wie beispielsweise der besonders hart betroffenen Clubszene, die seit Beginn des Lockdowns mit der Streaming-Plattform "United We Stream" eine zunächst berlinweite und mittlerweile international ausgelegte Spenden- und Content-Streaming-Plattform zur Rettung der Clubkultur ins Leben gerufen hat und hierbei mit Sendern wie arte oder dem ZDF kooperiert. 

Auch Melanie Seifart berichtet, dass zunehmend der Mittelstand der Kultur- und Kreativwirtschaft auf sie zukomme und sich beraten ließe. "Mittelstand heißt in unserer Branche: ein, zwei Geschäftsführer mit zwei oder mehreren Angestellten. Diese Gruppe hatte in der Anfangsphase der Corona-Pandemie mehr Rücklagen und ist mit dem Kurzarbeitergeld zunächst ausgekommen. Nun stoßen aber auch sie an ihre finanziellen Grenzen." Zudem seien einige Gruppen bei den öffentlichen Hilfen bisher durchs Raster gefallen, sagt Seifart weiter. So waren für die Soforthilfe IV zum Beispiel Kultur- und Medienunternehmen antragsberechtigt, wenn sie eine kulturelle Relevanz nachweisen konnten. Vermittelnde Gewerke wurden aber als nicht künstlerisch tätig eingestuft und fielen bei der Soforthilfe IV durch. Mittlerweile gibt es zum Glück Programme, bei denen auch diese Akteure Anträge stellen können, zum Beispiel die Überbrückungshilfe des Bundes oder "Neustart Kultur". 

Foto: Alexander Dommisch
Alexander Dommisch, Musiker und Produzent mit eigenem Musiklabel

Derzeit beschäftigt sich auch Alexander Dommisch als Soloselbstständiger zur Abdeckung von Fixkosten mit den aktuellen Überbrückungshilfen des Bundes. Er hat im Rahmen des laufenden Programms von "Neustart Kultur" über die Initiative Musik, der Fördereinrichtung der Bundesregierung sowie der Musikbranche für die deutsche Musikwirtschaft, bereits erfolgreich Förderanträge für seine Projekte und Künstler gestellt. „Nur so ist ein Blick nach vorne überhaupt möglich", sagt Alexander Dommisch. Darüber hinaus schaue er, wie er sein Business weiter optimieren könne:

Ich arbeite gerade sehr strategisch und gucke, wie ich mein Geschäft breiter aufstellen kann, so dass bestimmte Bereiche andere in Situationen wie diesen auffangen könnten.

Alexander Dommisch

Zu einem ähnlichen Schluss gelangt auch Melanie Seifart: "Wir müssen hinterfragen und überlegen, welche Geschäftsmodelle in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Zukunft noch funktionieren. Ein Beispiel: Wie breit muss die Musikwirtschaft künftig aufgestellt sein? Gibt es überhaupt noch ein Geschäftsfeld, wenn Veranstaltungen zunehmend ins Internet verlagert, dort aber keine signifikanten Umsätze erzielt werden können? Die Suche nach resilienten Modellen wird uns noch sehr lange beschäftigen." 


Susanne Litty

Über die Autorin

Bild: Susanne Litty

Susanne Litty ist studierte Restauratorin und Kulturmanagerin und hat im Rahmen unterschiedlicher Ausstellungs- und Grabungsprojekte für nationale und internationale Institutionen und Museen, wie zum Beispiel dem Deutschen Archäologischen Institut oder dem British Museum, gearbeitet. Während ihrer Tätigkeit für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz war sie zusammen mit ihrem Projektteam mit dem Umzug der Sammlungen aus dem Ethnologischen Museum ins Humboldt-Forum betraut.

Seit Mai 2020 ist Susanne als Projektmanagerin im Team von siegerbrauckmann*, Büro für Wirtschaftskommunikation, tätig.

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