Forschungsinstitute vermindern BIP-Prognosewert

21.10.2020

 

Die an der Gemeinschaftsdiagnose beteiligten Wirtschaftsforschungsinstitute haben am 14. Oktober ihr neues Herbstgutachten vorgelegt. 

Dem Gutachten zufolge befindet sich die deutsche Wirtschaft seit Mai in einem Erholungsprozess, der aber zunehmend an Dynamik verlieren dürfte. Gründe hierfür seien, dass die Nachholeffekte nach dem virusbedingten Lockdown auslaufen, dass einige Branchen weiterhin erhebliche Einschränkungen erfahren und dass die globale Investitionstätigkeit voraussichtlich noch einige Zeit geschwächt bleibe. Zudem zeichne sich ab, dass das Wirtschaftswachstum in der zweiten Jahreshälfte schwächer ausfallen wird, als noch im Rahmen des Frühjahrsgutachtens erwartet.

Vor diesem Hintergrund haben die Wirtschaftsforschungsinstitute ihren Prognosewert zur Veränderung des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts (BIP) 2020 gegenüber dem Vorjahr von -4,2 % im Frühjahr auf aktuell -5,4 % vermindert. Für das kommende Jahr 2021 prognostizieren die Konjunkturforscher einen BIP-Anstieg um 4,7 % (zuvor: 5,8 %). Anders als während der großen Rezession der Jahre 2008/2009, die einen UVerlauf zeige, werde die Coronakrise eher einem V-förmigen Verlauf folgen, bei der sich der rechte Schenkel der V-Formation deutlich abflache. Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Krisen bestehe darin, dass die große Rezession vor allem die Exporte und die Investitionen einbrechen ließ, während die derzeitige Krise auch den Privatkonsum massiv in Mitleidenschaft zog.

Der Arbeitsmarkt scheint nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher seine Talsohle durchschritten zu haben. Im Zuge der Erholung dürfte die Anzahl der Arbeitslosen wieder abnehmen, ebenso wie die Kurzarbeiterzahl. Die Erwerbstätigenzahl wird dem Herbstgutachten zufolge, nach einem Rückgang um 400.000 Menschen im laufenden Jahr, im kommenden Jahr um 150.000 zunehmen. In Hinblick auf die Verbraucherpreise gehen die Forscher davon aus, dass diese nach einem Anstieg um 0,5 % im Jahresdurchschnitt 2020 im kommenden Jahr um weiterhin moderate 1,4 % steigen werden.

Der BVR hält die von den Wirtschaftsforschungsinstituten vorgenommene Abwärtskorrektur der Wachstumseinschätzung für Deutschland 2020 für nachvollziehbar. Angesichts der zuletzt verschärften Infektionslage in Deutschland und vieler Partnerländer, die bereits zu neuen staatlichen Gegenmaßnahmen führte, ist allerdings für 2020 ein noch stärkerer Rückgang der preisbereinigten Wirtschaftsleistung denkbar.

Konjunkturerwartungen weniger optimistisch

Der Höhenflug der ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland hat sich im Oktober nicht fortgesetzt. Im Gegenteil: Der auf einer monatlichen Umfrage unter Finanzmarktfachleuten basierende Frühindikator ist gegenüber September um deutliche 21,3 Punkte auf 56,1 Punkte gesunken. Die ZEW-Konjunkturerwartungen befinden sich damit allerdings weiterhin sichtlich im positiven Bereich und signalisieren, dass die befragten Fachleute nach wie vor für die nächsten sechs Wochen überwiegend eine Verbesserung der Wirtschaftslage erwarten. Als Ursache für den Rückgang des Indikators kommen verschiedene Faktoren in Betracht. So sind hierzulande und in wichtigen Partnerländern Deutschlands die Coronainfektionszahlen zuletzt merklich gestiegen, was bereits zu neuen staatlichen Gegenmaßnahmen führte. Zudem ist die Hoffnung gesunken, dass zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich vor dem Jahresende noch ein Handelsvertrag geschlossen werden kann. Ferner sorgte die COVID-19-Erkrankung des US-Präsidenten Donald Trump für zusätzliche Unsicherheiten. Die aktuelle Wirtschaftslage Deutschlands wurde von den Umfrageteilnehmern jedoch weniger verhalten bewertet als zuvor. Der entsprechende ZEW Lageindikator ist jüngst um 6,7 Punkte auf -59,5 Punkte gestiegen. Alles in allem deuten die

neuen Umfrageergebnisse darauf hin, dass das Tempo der konjunkturellen Erholung zum Jahresende nachlassen wird.

Weitere Zunahme der Industriekonjunktur

Im Euroraum hat sich die Erholung der Industriekonjunktur vom virusbedingten Einbruch zuletzt fortgesetzt, allerdings mit vermindertem Tempo. Nach vorläufigen Angaben von Eurostat stieg die Industrieproduktion im August gegenüber dem Vormonat preis-, kalender- und saisonbereinigt um moderate 0,7 %. Im Juni und Juli hatte der Ausstoß noch mit einer kräftigen Verlaufsrate von 9,5 % bzw. 5,0 % zugelegt. Trotz der anhaltenden Erholung befindet sich die Produktion noch immer sichtlich unter dem Vorkrisenniveau. Im August lag sie um rund 6 % unter dem Stand vom Februar. In naher Zukunft dürfte die Erzeugung weiter zunehmen. Hierauf lässt zumindest der Orderindikator schließen, der jüngst leicht von 96,4 Punkten im August auf 97,1 Punkte im September stieg.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR