Kreativität braucht unproduktive Zeiten

22.11.2019

Interview von Olivia Rost

Wie können wir in digitalen Zeiten den Überblick behalten und gesund bleiben? Antworten gibt Professor Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin IAPAM in Herdecke und Berlin.

Professor Kastner, was halten Sie als Mediziner und Psychologe von flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice?

Einerseits ist die Freiheit toll, doch andererseits tut Rhythmus dem Menschen gut. Für viele ist es wichtig, morgens um 8 Uhr zur Arbeit zu gehen, um 12 Uhr Mittagspause zu haben und nachmittags um fünf zu Hause zu sein. Diese Rhythmen gehen bei flexiblen Arbeitszeiten verloren. Ob es gelingt, kommt auf die Persönlichkeit und auf die Situation an. Können Sie die Tür zu Ihrem Homeoffice schließen? Können Sie gut koordinieren, sich disziplinieren? Wenn nicht, kann Homeoffice auch zur Selbstausbeutung werden.

Manche kommen gut damit klar, die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben aufzuweichen – eine erfüllende Tätigkeit vorausgesetzt.

Ja, wenn man ein Thema hat, das einen interessiert und antreibt, könnte das ein Ziel sein. Die meisten brauchen aber den Anstoß von außen, um mehrere Stunden des Tages zu arbeiten. Viele macht die von ihnen gefühlte Sinnlosigkeit ihrer Arbeit unzufrieden.

Lebensqualität, Gesundheit und Sicherheit sind nicht nur essenzielle Werte, sondern auch unabdingbar für effiziente Leistung, komplexe Problemlösungen und damit wirtschaftliche Prosperität.

 

Universitätsprofessor Dr. phil. Dr. med. Michael Kastner

Was aber macht Menschen zufrieden?

Rückkopplung und Handlungsspielraum sind klassische Motivatoren, die zufrieden machen. Wertschätzung anderer ist ein entscheidender Gesundmacher.

Ein schlimmer Stressor ist …?

Kontrollverlust ist einer der schlimmsten Stressoren. Wir erleben uns als hilflos, wenn Systeme eine Eigendynamik entwickeln, etwa bei den Themen Erderwärmung, Flucht, Künstliche Intelligenz. Vor diesem Kontrollverlust haben viele Menschen Angst.

Telefonieren und Mails – das ist ja fast schon Old School. Heute arbeiten wir im kontinuierlichen Chat. Was macht das mit uns?

Was Menschen zusetzt, ist die permanente Verfügbarkeit und das Bestreben nach Zeiteffizienz. Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause schaute man im Bus früher einfach aus dem Fenster.

Heute erledigen wir Mails. Es gibt jedoch Untersuchungen, die zeigen: Kreativität braucht eine Inkubationsphase, und die liegt in diesen unproduktiven Zeiten. Für den Geist ist es schädlich, jede Leerzeit mit Daddeln oder Chatten zu füllen.

Wie können wir komplexe Aufgaben besser lösen?

Wir müssen achtgeben, nicht zu viel Wissen zu externalisieren und wegen jeder Kleinigkeit auf Vergleichsportale zu gehen. Unsere Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu lösen, besteht unter anderem darin, dass wir zwischendurch immer wieder in die Vogelperspektive gehen. Also raus aus dem unmittelbaren Stress und überlegen: Bin ich noch auf dem richtigen Weg? Und wo liegen die eigenen Widersprüche?

Ein Beispiel: Wir kaufen online ein und ärgern uns zugleich, dass die Logistik die Straßen verstopft und die Geschäfte in den Innenstädten zugenagelt werden.

Wie können Arbeitnehmer die zunehmende Arbeitsverdichtung bewältigen – und dabei gesund bleiben?

Die Arbeitsverdichtung ist ein Problem, das ich »Dynaxität« nenne: Alles wird dynamischer und komplexer. Um damit fertigzuwerden, müssen wir Selbstmanagement auf verschiedenen Ebenen betreiben. Kurz zusammengefasst: Ich muss körperlich versuchen, Rhythmen einzuhalten und zu entspannen. Geistig muss ich die Ablenkung durch Medien verringern und Phasen des zwecklosen Tuns schaffen. Auf der Ebene der Gefühle geht es darum, mit negativen Stimmungen umzugehen und Möglichkeiten für positive Gefühle zu schaffen. Und schließlich gibt es die persönlich-soziale Welt, die Ausstrahlung auf andere. Auch daran kann man arbeiten. All das fördert die Gesundheit.

Gibt es auf der Körperebene praktische Techniken, die man während der Arbeitszeit anwenden kann?

Zwischendurch immer wieder bewegen! Es gibt klare Befunde dazu. Bei einer kognitiven Tätigkeit am Computer sollte man ungefähr 50 Minuten arbeiten und dann fünf bis zehn Minuten Pause machen. Aufstehen, sich bewegen, aus dem Fenster schauen. Sehr gesund ist auch der Kurzschlaf oder die Meditation auf dem Bürosessel, bei der man fünf Minuten runterfährt.

Was macht Stress mit unseren Gefühlen und mit unserer Ausstrahlung?

Wenn Sie gestresst sind, dann wackelt Ihre Stimme. Sie können sich nicht konzentrieren. Sie sind schlecht gelaunt – und all das strahlen Sie auch aus. Entsprechend kommt es zurück.

Vielleicht ist gut zu wissen: Angst und Entspannung gehen nicht zusammen. Wenn ich mich entspanne, verschwindet die Angst. Ich kann außerdem lernen, mir positive Gefühle zu verschaffen, etwa durch Achtsamkeit und Konzentration auf das, was ich gerade tue.

Olivia Rost

Über die Autorin

Olivia Rost

Nach dem Abitur arbeitete sie als Drehbuchautorin und Cutterin in verschiedenen Filmproduktionen. 1989 folgte das Studium Dokumentarfilm an der FH Dortmund, Filmklasse im Fachbereich Design. 1996 arbeitet sie im Rahmen eines Postgraduierten-Stipendiums (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Prag ein Jahr lang an Interviewprojekten und TV-Beiträgen. Zwischen 1998 und 2002 lag der Schwerpunkt unter anderem auf ausstellungsbegleitender Medienproduktion und Texten für das Museum Folkwang, Essen. Seitdem arbeitet sie als (aus Überzeugung freie) Autorin für verschiedene Medien.

Seit 2003 ist sie regelmäßig für sieger, jetzt siegerbrauckmann, insbesondere im Bereich Corporate Publishing tätig.