Künstliche Intelligenz in kleinen und mittleren Unternehmen

09.04.2021

Von Julia Reichler
Foto BäckerAI (von links nach rechts):
Franz Seubert, Dr. Jan Meller, Dr. Fabian Taigel

Künstliche Intelligenz kommt bislang vor allem bei großen Unternehmen zum Einsatz. Dabei stecken in den neuen Technologien große Chancen auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Allerdings müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein.

Als Franz Seubert an einem Abend seinen Vater in dessen Lebensmittelmarkt besucht, ist er irritiert. Seubert junior ist zu dem Zeitpunkt Master-Student der Wirtschaftsinformatik. Seubert senior betreibt einen typischen Dorfladen: Über Neuigkeiten bis zum Sonntagsbrötchen gibt es (fast) alles. Die Brötchen sind es, über die Franz Seubert stolpert. Die übrig gebliebenen, um genau zu sein. Die muss Seubert Senior jeden Abend in Körbe packen und wieder weg schicken. Mal mehr, mal weniger. Das heißt zwar nicht, dass all diese Brötchen auf dem Müll landen. Übriggebliebene Backwaren gehen in Deutschland an Biogasanlagen oder Futtermittelhersteller, werden gespendet oder zu Paniermehl verarbeitet. Die meisten zumindest, verlässliche Zahlen gibt es keine. Aber das ist ein anderes Thema. Hier geht es um Arbeitskraft, um das Backhandwerk, um Geld. Denn all das kostet ein Brötchen auch dann, wenn es am Ende nicht verkauft werden kann.

Franz Seubert
Franz Seubert

Franz Seubert widmet dem Erlebnis im Dorfladen seine Masterarbeit und gründet mit zwei Kommilitonen eine Firma. Bäcker AI ist heute kaum ein Jahr alt und hat keine Akquise-Probleme. Das Startup setzt Künstliche Intelligenz (auch AI, also Artificial Intelligence) an dem Punkt ein, über den Franz Seubert gestolpert ist. Die Software soll Retouren minimieren. Das funktioniert so: Anhand der Daten, die Bäckereien eh zur Verfügung stehen, erkennt die Künstliche Intelligenz Muster und leitet Regeln von ihnen ab. Dabei helfen zusätzlich rund 130 Faktoren. Sie weiß zum Beispiel, welchen Einfluss das Wetter oder die Fußballweltmeisterschaft auf die Nachfrage hat. Dank diesem Zusammenspiel erkennt Bäcker AI, an welchen Tagen sich welches Gebäck gut verkauft. „Schwierig wird die Berechnung nur bei Saisonartikeln, die lediglich an wenigen Tagen im Jahr verkauft werden“, sagt Franz Seubert. Je höher die Datenmenge, desto präziser die Voraussage – und je mehr Filialen es gibt, desto mehr Daten gibt es auch. Aktuell lohnt sich Bäcker AI für Unternehmen ab zehn Filialen.

Künstliche Intelligenz lohnt sich für kleine und mittlere Unternehmen vor allem in den Bereichen Produktion (wie bei Bäcker AI), Einkauf und Beschaffung, Logistik oder Service und Kundendienst. Das enorme Volumen an Daten, deren Vielfalt und die steigende Geschwindigkeit des Datenverkehrs sind die wichtigsten Bereiche in denen KI im Arbeitsalltag entlasten kann. Bis heute spricht man dabei von „schwacher Künstlicher Intelligenz“, die bei der Lösung konkreter Anwendungsprobleme unterstützt und Prozesse automatisiert. Die sogenannte „starke Künstliche Intelligenz“ wäre in der Lage Codes von Systemen eigenständig zu verbessern und zu reproduzieren – ohne vom Menschen trainiert werden zu müssen. „Starke KI“ könnte außerdem Wissen von einem auf andere Bereiche übertragen – soweit ist die Forschung aber noch (lange) nicht.

Zurück zu Franz Seubert: Zwischen 1,5 und 19 Prozent schwankt die Retouren-Quote bei Bäckereien – bei kleineren Betrieben fallen meist weniger an als bei mittleren und großen. Das Umweltministerium NRW hat vor ein paar Jahren eine interessante Rechnung dazu aufgestellt: Bei einer Bäckerei mit zehn Filialen und einer verarbeiteten Mehlmenge von 1.000 Tonnen pro Jahr, entstehen bei 15 Prozent Retouren allein durch die verlorenen Rohstoffe Verluste von rund 100.000 Euro. Hinzu kommen die eingesetzten Energiemengen und die Personal- und Maschinenstundenkosten. Reduziert diese Bäckerei ihre Retouren-Quote nur um ein bis zwei Prozent, kann sie Rohstoffkosten in Höhe von mindestens 7.000 bis 14.000 Euro einsparen. Franz Seubert sagt:

Ist die Software gut eingespielt, können die Betriebe ihre Rückläufe um zwanzig bis dreißig Prozent reduzieren.

Das alles dank Künstlicher Intelligenz – naja und der menschlichen, die sie programmiert hat.

„Generell funktioniert Künstliche Intelligenz nicht so, dass man die Füße hochlegen kann und der Computer erledigt die Arbeit“, betont Franz Seubert, der inzwischen zum Thema Einsatz von künstlicher Intelligenz in kleinen und mittleren Unternehmen promoviert. „Künstliche Intelligenz leistet Entscheidungshilfe…“

„…und unterstützt Arbeitsprozesse“, ergänzt Max Kettner, Leiter des Mittelstand 4.0 Kompetenzzentrum Berlin. Das Kompetenzzentrum in der Hauptstadt ist eines von deutschlandweit 26 und unterstützt KMUs seit 2016 bei der Digitalisierung. Vor rund zwei Jahren ist das Thema Künstliche Intelligenz hinzu gekommen – die bis heute vor allem Großunternehmen einsetzen. „Die Hemmnisse in kleinen und mittleren Unternehmen sind das Fehlen von Knowhow, Sicherheitsbedenken und der Mangel von ausreichend qualitativen Daten in der praktischen Umsetzung“, weiß Max Kettner. Das Kompetenzzentrum, übrigens ein Förderprojekt des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, setzt an diesen Stellschrauben an: Mit Hilfe von KI-Trainern sollen die Unternehmen systematisch an die Thematik herangehen. „In einem ersten Schritt müssen die KMUs lernen, ihren eigenen Bedarf zu analysieren – dabei hilft zum Beispiel ein Blick auf das Marktgeschehen, also wo andere Unternehmen KI einsetzen“, sagt Max Kettner. Letzteres hilft auch bei der Entscheidung, die KI im eigenen Haus entwickeln zu lassen – wodurch sie sehr individuell zugeschnitten wird. Oder eine bereits existierende Lösung einzukaufen – was in der Regel ressourcenschonender ist.

Max Kettner
Max Kettner

Wichtig sei es außerdem, die Belegschaft mit einzubeziehen. „Wir hören aus den Unternehmen oft, dass die Angestellten Angst davor haben, ihre Stelle durch Künstliche Intelligenz zu verlieren. Und bei repetitiven Aufgaben kann sie sicherlich Arbeitskraft ersetzen. Ganz wichtig ist aber zu verstehen, dass der Mensch niemals obsolet wird. Durch Digitalisierung im Allgemeinen verändert sich unser Arbeitsumfeld auf Dauer – das heißt aber vor allem, dass wir uns als Arbeitnehmer ein Leben lang weiterentwickeln können und müssen. Die Basis dafür muss bereits eine innovationsförderliche Unternehmenskultur bilden“, betont Max Kettner.

Um die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu sichern, sollte sich also jedes KMU mit Künstlicher Intelligenz auseinandersetzen – das heißt aber nicht, dass jedes Unternehmen sie auch einsetzen kann oder muss. „Künstliche Intelligenz ist ein Buzzword – sie umfasst viele Bereiche und sollte nicht zum Selbstzweck, sondern strategisch und mit einem klaren Ziel vor Augen genutzt werden. Wir empfehlen eine Politik der kleinen Schritte – auch daraus kann ein großer Mehrwert entstehen. Man muss nicht auf jedes Pferd aufspringen, das vorbeireitet. Aber man sollte es sich in jedem Fall mal anschauen.“

Julia Reichler

Über die Autorin

Bild: Julia Reichler

Nach ihrem Bachelor in Germanistik und Komparatistik in Bochum zog es Julia Reichler in die Münchner Medienwelt. Für verschiedene Fernsehanstalten realisierte sie einige Jahre lang vor allem Reportagen und Magazinbeiträge, um daraufhin den Masterstudiengang an der Deutschen Journalistenschule und Ludwig-Maximilians-Universität in München zu absolvieren. 2016 ging es wieder zurück nach Nordrhein-Westfalen, wo sie nach wie vor für öffentlich-rechtliche Sender wie dem WDR, BR und SWR arbeitete. Darüber hinaus realisierte Julia Reichler Projekte im Digitalen Marketing und der Markenkommunikation für namhafte Unternehmen und Institutionen.

Seit Februar 2020 verstärkt sie im Bereich der Unternehmenskommunikation und PR das Team von siegerbrauckmann, einem Büro für Wirtschaftskommunikation.

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