RBB-Intendantin Patricia Schlesinger über Unternehmensführung

04.06.2020

von Tim Müßle
Foto rbb/Thorsten Klapsch

Wie führt man eigentlich ein Unternehmen richtig? Führungsstile sind oft so unterschiedlich wie die Firmen selbst. Die Journalistin und Moderatorin Patricia Schlesinger ist Intendantin der Rundfunkanstalt RBB. Die Führungskraft verrät ihr Rezept für Führungskompetenz.

Thema Unternehmensführung: Was können oder sollten Führungskräfte von Ihnen lernen, wenn es darum geht, eine große Organisation mit vielen Aufgaben und Mitarbeitern zu leiten?

Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, klare Ziele zu formulieren und für die notwendige Kommunikation nach innen und außen zu sorgen. Dabei gilt immer: Der rbb ist keine One-Woman-Show.

Ein Führungsstil unterscheidet sich vom anderen. Was ist für Sie das Wichtigste bei der Führung des Senders?

Wir geben an der Unternehmensspitze möglichst klare Vorgaben und einen Rahmen vor, den die zuständigen Bereiche füllen sollen und können. Für mich ist dabei die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen in der Geschäftsleitung des rbb entscheidend. Allein kommt niemand von uns weiter, wir brauchen den Austausch mit den nächsten Führungsebenen und natürlich direkt mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Durch eine kommunikative Einbahnstraße ist noch kein Projekt erfolgreich ans Ziel gekommen. Das Gleiche gilt auch für den Kontakt nach außen, zu den gesellschaftlichen Institutionen, zur Politik, zu unseren Zuschauerinnen, Hörern, Nutzern.

Mut ist für mich eine unverzichtbare Eigenschaft für Führungskräfte, wer nicht mutig entscheiden will, verwaltet nur, aber führt nicht.

Auf welches Handwerkszeug einer Führungskraft vertrauen Sie, wenn es um Organisation geht?

Ich vertraue dem Prinzip der Delegation: In einem so großen Unternehmen mit so vielfältigen Programmangeboten und administrativen Aufgaben ist es unmöglich, jedes Thema persönlich zu verfolgen. Ich weiß, dass meine Kolleginnen und Kollegen „ihre“ Themen mit großer Verantwortung und Sachkenntnis vorantreiben. In diesem Zusammenhang ist Mut für mich eine unverzichtbare Eigenschaft für Führungskräfte. Wer nicht mutig entscheiden will, verwaltet nur, aber führt nicht.

Ich will zugleich den direkten Austausch mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an der „Basis“ nicht missen, deshalb lade ich regelmäßig zu einem Frühstück bei mir ein – dazu können sich alle im Haus bewerben, wir losen dann aus. Gleichzeitig treffen wir Vorkehrungen, dass gute Ideen rund ums Programm oder unsere Abläufe nicht im Gestrüpp der Zuständigkeiten hängen bleiben, sondern ihren Weg zu mir finden.

Was raten Sie Frauen, die anstreben, ein Unternehmen innovativ zu führen?

Seien Sie verwegen und mutig, machen Sie auf sich aufmerksam und suchen Sie sich Verbündete.

Sie sind seit Juli 2016 Intendantin und damit Führungskraft des RBB – inwiefern konnten Sie die Struktur des Senders bereits nach Ihren Vorstellungen umbauen bzw. modernisieren?

Foto: RBB-Intendantin Patricia Schlesinger
RBB-Intendantin Patricia Schlesinger

Wir haben den Umbau, der uns in der digitalen Zukunft handlungsfähig und erfolgreich machen soll, gerade erst eingeleitet. Sie erleben das in Ihrem Alltag: Die Mediennutzung verschiebt sich von der linearen Welt in die zeitsouveräne, nicht lineare. Hinzu kommen neue Formen, die den Plattformen des digitalen Zeitalters angemessen sind. Diese Transformation verlangt von uns zweierlei: Wir müssen erstens die redaktionelle Arbeit und die Produktion stärker verschränken; teilweise gibt es gar keine klaren Trennlinien mehr. Zum andern müssen wir das Neue tun, ohne das Alte zu lassen – und ohne zusätzliche finanzielle Mittel dafür zur Verfügung zu haben. Die jetzt angedachte Erhöhung des Rundfunkbeitrags gleicht die Preissteigerungen der vergangenen Jahre knapp aus, aber sie verschafft uns keinerlei Puffer für die Zukunft. Mehr machen mit weniger Geld – das ist eine echte Herausforderung.

Welche Umstrukturierungen haben Sie im RBB noch geplant?

Der digitale Umbau wird das gesamte Haus berühren. Konkret beginnen wir in diesen Wochen, auf zwei Stockwerken in unserem Hochhaus an der Masurenallee ein neues, crossmediales Newscenter einzurichten. Das wird das Herz unserer aktuellen, regionalen Berichterstattung, in der die Redaktion, Produktion, Plattformsachverständige und Distributionsfachleute gemeinsame Produkte erstellen. Im nächsten Schritt soll am Standort Berlin ein digitales Medienhaus entstehen, in dem wir die Arbeitsweisen, die wir im Newscenter erproben und erlernen, auf weitere Bereiche des Hauses übertragen.

Sie waren Leiterin des Programmbereiches Kultur und Dokumentation des NDR-Fernsehen. Was mussten Sie an Führungskompetenz selbst dazulernen, als Sie Intendantin geworden sind?

Die Belange der ARD sind stärker in den Fokus gerückt. Zugleich sind die Themenfelder rund um die administrative Führung eines Senders natürlich vielfältiger als in einem Programmbereich. Ich habe nach meinem ersten Jahr gesagt: Die Lernkurve war nicht exponentiell, sie war vertikal. Ich hatte sehr gute Unterstützung im Haus und im Senderverbund.

Ich finde es kokett, wenn Führungskräfte über ihre Arbeitszeit sprechen. Mein Vertrag enthält keine Arbeitszeitklauseln; ich fände sie auch unangemessen. Wer viel Verantwortung haben will, sollte bereit sein, sie wahrzunehmen.

Wie gelingt Ihnen eine Work-Life-Balance?

Wenn ich die Aufgabe als Intendantin nicht auch als „Life“ wahrnehmen würde, sondern nur als „Work“, könnte ich sie schwerlich bewältigen. Meine Position ermöglicht mir, außerordentliche Menschen näher kennenzulernen und an besonderen Ereignissen teilzuhaben; das fließt in meine Gesamtbilanz ein. Gleichzeitig achte ich darauf, meiner Familie Raum zu geben. Das gelingt aber nur, wenn Sie eine sehr verständnisvolle Familie haben.

Sie haben viele Jahre Erfahrung in der Unternehmensführung. Aktuell gibt es viele innovative Start-ups und Gründer in der Region. Welche Tipps oder Erkenntnisse über Führungsstile oder Führungskompetenz würden Sie diesen gerne mitgeben?

Um es mit Udo Lindenberg zu sagen, dessen Werdegang wir gerade im Kino verfolgen konnten: „Mach Dein Ding!“ Meiner Erfahrung nach sind Menschen am erfolgreichsten und besten, wenn sie im Zentrum ihrer Leidenschaften arbeiten. Manchmal bedarf es dabei harter Schnitte und unangenehmer Entscheidungen. Sie aufzuschieben macht selten etwas besser. Last but not least: Den eigenen Kompass nicht verlieren - möglichst mit Feedback von Dritten. Wer einen falschen Weg eingeschlagen hat, sollte umkehren können.

Bild: RBB

Der RBB

Verwaltungsrat, Intendantin, Rundfunkrat; dazu Programmdirektion, Verwaltungsredaktion, angestellte und freie Mitarbeiter, kooperierende Unternehmen: Der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) ist eine große Organisation mit rund 2000 Mitarbeitern und vielen Hierarchieebenen. Die Führungspositionen sind gleichermaßen mit Frauen und Männern besetzt, je 50 Prozent laut Sender. In den umliegenden Unternehmen ist das anders: Laut der Bundesagentur für Arbeit waren nur rund 35 Prozent der Führungskräfte in Berlin und Brandenburg Frauen.

Für die Zukunft stehen dem RBB Umwälzungen ins Haus: Der Sender erwartet im Jahr 2020 nämlich Erträge von 478,1 Millionen Euro und Aufwendungen von 564,8 Millionen. Das ergibt einen Fehlbetrag von 86,7 Millionen Euro. Noch stellen Rücklagen die Liquidität sicher, diese dürften aber laut RBB-Wirtschaftsplan Ende des Jahres verbraucht sein. Künftig will der Sender 20 Millionen Euro jährlich sparen und den digitalen Umbau bewältigen, sagte Intendantin Patricia Schlesinger im Januar in Berlin.

Tim Müßle

Über den Autor

Bild: Tim Müßle

Tim Müßle ist studierter Diplom-Journalist und arbeitet als freier Journalist für verschiedene Medien und Tageszeitungen. Er berät Unternehmen, Parteien und gemeinnützige Organisationen in PR-Fragen und beim Aufbau von Mitteilungen, Newslettern und Kampagnen sowie bei der Generierung von journalistisch relevanten Themen.

Schwerpunkt seiner Arbeit als Dozent an der IST-Hochschule für Management in Düsseldorf ist die Vermittlung auf der Grundlage kommunikationspsychologischer Erkenntnisse sowie die messbare Qualität der Inhalte von Medienbotschaften.

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