Schöner scheitern: Wenn man umfällt, dann steht man einfach auf und macht weiter

02.10.2019

von Ilka Kremer

In der digitalen Welt brauchen Gründer weitaus mehr als eine gute Idee, um Produkte und Dienstleistungen erfolgreich am Markt zu etablieren. Zwar schreibt manch einer in der Start-up-Szene eine große Erfolgsgeschichte, aber die Statistik belegt: Neun von zehn Start-ups müssen das Handtuch werfen. In dieser Ausgabe erzählt Garry Krugljakow, wie sich die Insolvenz des eigenen Unternehmens anfühlt und was ihn angetrieben hat wieder aufzustehen.

 

Die Idee ging im Sommer 2015 mit viel Lob durch die Medien: Mit der App Cookies wollte Garry Krugljakow zusammen mit seinem damaligen Geschäftspartner die Welt des Online-Bankings revolutionieren. „Das Produkt wurde am Markt sehr gut angenommen“, erinnert sich Krugljakow. Cookies ermöglichte Überweisungen zwischen Freunden ohne iban und tan, dafür aber mit sozialen Features: Paymojis ersetzten den Verwendungszweck und es gab eine Chatfunktion. „Apple machte uns zur App der Woche. Das war wie ein Ritterschlag. Die App war einfach gut und es machte Spaß, auf spielerische Art und Weise Geld zu versenden„, berichtet der heute 30-Jährige, der im Ausland Finanzwesen studierte. Doch im Herbst 2016 meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Erst der Hype, dann die Insolvenz

Garry Krugljakow, Founder und CEO der Vai GmbH

„Unter den Investoren gab es unterschiedliche Vorstellungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmens“, begründet Garry Krugljakow das Aus. Und das sei keineswegs eine Seltenheit in der Branche. „Solche Geschichten wie die unsrige sind nicht einzigartig. Oft werden sie nur nicht öffentlich gemacht.“ Wenn sich aber die Medien auf die Story rund um das gescheiterte Start-up stürzen, entsteht ein massiver Druck. Genauso war es bei ihm, doch Garry Krugljakow lebt nach seinen Prinzipien: „Du musst mit dir selbst im Reinen sein. Wenn du umfällst, dann steh’ einfach wieder auf und mach weiter.“ Und er stand wieder auf, entwickelte eine neue Idee und gründete das Fintech Vai.

Vai unterstützt den Mittelstand und den Handel mit digitaler Wareneinkaufsfinanzierung. „Nehmen wir zum Beispiel einen kleinen Fahrradladen. Der Inhaber möchte 100 Räder verkaufen, hat aber nicht das Geld, um zunächst die Ware einzukaufen“, sagt Garry Krugljakow. Dabei kommt Vai ins Spiel: Das Start-up kauft die Räder und stellt sie dem Laden zur Verfügung. Diese Art der transparenten Finanzierungslösungen bieten den Betrieben kurzfristig Liquidität in Höhe von bis zu 50.000 Euro, zurückzuzahlen in maximal 180 Tagen. Das Geschäftsmodell basiert auf einem bankenunabhängigen, transparenten und unkomplizierten Prozess. Von der Registrierung bis hin zur Rückzahlung kann der Kunde alle Schritte digital und mobil abwickeln. Dahinter steckt ein eigens für Vai entwickelter, smarter Algorithmus. Dabei prüft die künstliche Intelligenz im Bonitätsverfahren, ob dem Kunden dieser Minikredit gewährt werden kann.

Vom „Banking der Zukunft“ ist auch die Berliner Volksbank überzeugt. Zum offiziellen Start der Finanzierungsplattform wurde Vai Tochterunternehmen der größten Genossenschaftsbank Deutschlands und erhielt 5,5 Millionen Euro im Rahmen einer Seed-Finanzierung. „Die Berliner Volksbank ist sehr daran interessiert, an der Zukunft alternativer Finanzierungslösungen für KMUS teilzuhaben. Die Verantwortlichen haben an uns und unsere innovative, digitale Lösung geglaubt“, so Garry Krugljakow. Mittlerweile hat Vai Finanzierungsanfragen von über 100 Millionen Euro über die Plattform geprüft.

Ever tried. Ever failed.
No matter. Try again. Fail better.

Samuel Backett

Wie er sich nach dem Scheitern mit Cookies motivierte, diese neue Idee hervorzubringen und zu realisieren, erklärt der 30- Jährige so: „Meine Familie und meine Freunde sind die wichtigsten Faktoren, die mich auf dem Boden halten und ein gutes Kontrastprogramm schaffen.“ Außerdem ist da seine Faszination für Menschen mit Expertise und Mut. „Das hat mich angetrieben. Ich wollte weiterhin mit tollen Talenten neue Projekte starten.“ Garry Krugljakow ist sehr glücklich: „Ich habe jetzt wieder ein starkes, talentiertes Führungs- und Entwicklerteam an meiner Seite. Das spornt mich jeden Tag an, aufzustehen und für etwas zu kämpfen.“

Denn trotz der guten Entwicklung des Start-ups muss noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden. „Wir arbeiten an einem sehr innovativen Prozess, den es so in Deutschland noch gar nicht gab. Viele Unternehmen kennen diese alternative Finanzierungsmethode bisher noch gar nicht.“

Zeichnung Try

Vom Scheitern mit dem ersten Startup habe er regelrecht profitiert, meint der Berliner Unternehmer. Er sieht es als einen Riesenvorteil, diese Erfahrungen bereits in jungen Jahren gemacht zu haben. „Ich bin sehr dankbar dafür“, so Garry Krugljakow, „das war Gold wert und hat mich stark geprägt. Die Ereignisse haben mich vor allem zu einem besseren Gründer, zu einer besseren Führungskraft gemacht.“ Diesen temporären Druck, der nach der Insolvenz auf ihm lastete, habe er relativ gut aushalten können. Sein Leben, seine Karriere seien immer schon mit Leistungsdruck verbunden gewesen: „Ich kenne das gar nicht anders.“ Doch gehörten zu seinem Weg natürlich entsprechende Charaktereigenschaften, „die jeder gute Unternehmer haben sollte“, sagt Krugljakow. „Dazu zählen Mut, Hartnäckigkeit, Leidenschaft, vor allem aber Ausdauer.“ Insbesondere Letzteres spiegelt sich in seinem Leitsatz wider: „Weitermachen, weitermachen, weitermachen.“

Ilka Kremer

Über die Autorin

Ilka Kremer

Nach Abitur, Ausbildung und Berufstätigkeit im medizinischen Bereich, volontierte Ilka Kremer beim Altenaer Kreisblatt, einer Tageszeitung der Ippen-Gruppe. Nach erfolgreichem Volontariat arbeitete sie 16 Jahre als Redakteurin für den Märkischen Zeitungsverlag in den Redaktionen Altena, Nachrodt-Wiblingwerde, Kreis und Region, Lüdenscheid und für die Wochenzeitung „Der Bote“. Zusätzlich war sie als freie Reporterin für Radio MK, Radio Berg und den Westdeutschen Rundfunk tätig.

Seit 2012 ist sie bei siegerbrauckmann als Texterin und PR-Beraterin beschäftigt und bearbeitet dort schwerpunktmäßig den Bereich Corporate Publishing und Unternehmenskommunikation.