Finanzmärkte: US-Arbeitsmarkt - nur die halbe Wahrheit

11.05.2020

Am vergangenen Freitag wurden die offiziellen Daten zur Lage am US-Arbeitsmarkt veröffentlicht.

Im April haben sich demnach 20,5 Mio. Menschen arbeitslos gemeldet. Ein Großteil der Jobs fiel im Dienstleistungssektor – wie dem Hotel und Gastgewerbe – weg. Auch der Staat entließ mit fast 1 Mio. Menschen einen größeren Anteil an Beschäftigten. Die Arbeitslosenquote stieg mit 14,7 % auf den höchsten Nachkriegswert, dennoch etwas weniger als befürchtete. Allerdings widerspiegelt die Arbeitslosenquote nur die halbe Wahrheit. Denn gleichzeitig sank die Partizipationsrate – also der Anteil an Menschen die auf Jobsuche sind – auf das niedrigste Niveau seit 1972. Rund 6 Mio.

Menschen haben es aktuell aufgegeben nach einem Job zu suchen und tauchen nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Hintergrund sind, neben der aussichtslosen Lage am Arbeitsmarkt durch den Lockdown, allerdings auch der Zuschlag zur Arbeitslosenhilfe von rund 600 US-Dollar pro Woche. Für Bezieher geringer und mittlerer Einkommen, wie im Gastgewerbe vorherrschend, sind dies attraktive Anreize zu-nächst nicht nach einem Job zu suchen. Die bis Juli befristete Maßnahme könnte somit nach Ablauf zu einem weiteren (statistischen) Anstieg der Arbeitslosenquote führen. Weiterhin hat die Statistikbehörde angegeben, dass „wahrscheinlich“ ein Teil der befragten Menschen fälschlicher Weise als „beschäftigt, aber nicht in Arbeit“ eingruppiert wurden, statt diese als temporär arbeitslos einzuordnen. Die Arbeitslosenquote könnte so um bis zu 5 % zu gering ausgewiesen worden sein. Auch der Zeitpunkt der Datenerhebung (Mitte April) deutet darauf hin, dass die Beschleunigung durch den Lockdown nur bedingt abgebildet werden konnte. Insgesamt sollte die Arbeitslosenquote in den USA in den kommenden Monaten weiter steigen. Ein Anstieg um nochmals 10 % ist nicht auszuschließen. Damit bleibt die USA nicht nur das Land mit den meisten Corona-Infektionen weltweit, sondern wird vermutlich kurzfristig auch das Land mit den schärfsten ökonomischen Auswirkungen sein. Für die US-Ökonomie spricht ein zu erwartender Aufschwung im zweiten Halbjahr. Aufgrund der Flexibilität der US-Wirtschaft sollte dieser etwas stärker ausfallen als in anderen Ländern. Über allen Erwartungen und Prognosen steht aber weiterhin der Verlauf der Corona-Pandemie. Auch in den USA würde eine zweite Welle im Herbst verheerende Wirkung haben - auch für Donald Trump an der Wahlurne.

Bunds zwischenzeitlich unter (BVerfG) Druck

Bundesanleihen gerieten zur Wochenmitte leicht unter Druck. Die Renditen zehnjähriger Bunds stiegen von ihrem Tief am Dienstag um etwa 10 Basispunkte auf -0,48 %. Ursächlich war neben vermehrten Primärmarktaktivitäten – zur Refinanzierung von staatlichen Konjunkturprogrammen – insbesondere das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG). Letztlich wird durch das Urteil eines Nationalstaates, welches die Darlegung der Verhältnismäßigkeit des früheren Ankaufprogrammes PSPP fordert, die Unabhängigkeit der EZB tangiert. Am Markt erzeugt dies Unsicherheit, ob die EZB auch in der aktuellen Krise das Ankaufprogramm unabhängig durchführen kann und ob durch das BVerfG ein Präzedenzfall auch für andere nationale Gerichte in Europa geschaffen wurde. Mit Blick auf die Unabhängigkeit der EZB kann sie auf das Urteil kaum eingehen und muss auf die Zuständigkeit des EuGHs verweisen. Zugleich behält sich die EU-Kommission, namentlich Ursula von der Leyen, wegen des BVerfG-Urteils ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland vor. Entsprechend unruhig war die letzte Woche am Anleihemarkt. Zehnjährige Bunds profitierten zum Wochenende von Hinweisen auf eine Deeskalation im Corona- und Handelsstreit zwischen China und den USA und rentierten mit -0,53 %. Die italienischen Pendants rentierten mit 1,85 % etwa 20 Basispunkte unter ihrem Hoch vom Donnerstag.

Saudi-Arabien gibt Preiskrieg auf

Im Preiskrieg zwischen Saudi-Arabien und Russland hat die saudische Seite den aggressiven Pfad von Preisnachlässen verlassen. Über diese Strategie gewannen die Saudis zuletzt sogar Russland-treue Kunden wie Weißrussland. Die Nachricht wurde am Markt positiv aufgenommen und die Kurse für Brent und WTI stiegen deutlich. Im Wochenverlauf gewann die Sorte WTI knapp 25 % auf 24,62 US-Dollar pro Barrel und Brent stieg um rund 20 % auf 30,86 US-Dollar pro Barrel an.

Leichtes Wochenplus im DAX

Der Deutsche Leitindex DAX verbucht ein leichtes Wochenplus von 0,4 % auf 10.904 Punkte. Neben einigen – zwar verhaltenen, aber dennoch nicht pessimistischen – Quartalsberichten wie von Siemens beeinflusste die Bekräftigung der USA und China trotz der Streitigkeiten um die Ursachen der Pandemie an dem Teilabkommen im Handelsstreit festzuhalten. Die schwachen Konjunktur- und insbesondere US-Arbeitsmarktdaten fanden nur bedingt Beachtung der Marktteilnehmer. Der Dow Jones schloss im Wochenverlauf 2,5 % stärker bei 24.331 Punkten

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR