Vom Berliner Supermarkt zur europäischen Marke

19.02.2020

von Maximilian Klein

Veganz erobert den Markt für vegane Lebensmittel in Europa. Doch hinter dem Erfolg steckt eine turbulente Geschichte. Im umkämpften Lebensmittelmarkt ging die Supermarktkette in die Planinsolvenz. Trotzdem wächst das Berliner Unternehmen stark mit neuem Konzept. Zwei Erfolgsgeheimnisse: die richtigen Vertriebskanäle und konsequentes Working Capital Management.

Die Geschichte von Veganz beginnt mit dem persönlichen Tiefpunkt eines Spitzenmanagers. Burnout, lautete die Diagnose von Jan Bredack im Jahr 2008. Jahrelang baute er die LKW-Sparte von Daimler in Russland auf. Bis zu einem Punkt wo er keine Kraft mehr hatte. Er änderte sein Leben radikal, kündigte bei Daimler, wurde überzeugter Veganer.

Vom Veganer zum Supermarktbesitzer

In den frühen 2000ern war Veganismus etwas für Freaks, Aussteiger und ein Nischenmarkt. Von Lifestyle- und Instagramveganern war noch gar keine Rede. Trotzdem kreisten Jan Bredacks fleischlose Gedanken um die moderne Ernährungsform. Er erkannte das unternehmerische Potenzial der Nische und gründete die vegane Supermarktkette Veganz. Im Prenzlauer-Berg eröffnete 2011 der erste Supermarkt, der keine tierischen Produkte verkaufte. Auf Anhieb ein großer Erfolg.

Er betrat einen der umkämpftesten Märkte in Europa, den Lebensmitteleinzelhandel. Das Geschäft hart: Geprägt von kleinen Margen, hohen Vorleistungszahlungen und einem starken Verdrängungswettbewerb. Und trotzdem setzte er sich anfangs durch. Es folgten sieben Filialeröffnungen in drei europäischen Ländern.

Veganz-Gründer Jan Bredack

Plötzlich waren wir nicht mehr Retail mit eigenen Läden, sondern wir waren Lieferant, brauchten eine eigene Logistik, neue Prozesse und mehr Mitarbeiter.

Doch der Wachstumsmarkt erhöhte den Wettbewerbsdruck auf das junge Unternehmen. Die großen Supermarktketten und Drogerien erkannten den Hype und erweiterten mit Hilfe von Veganz ihr Sortiment um eine breite, vegane Produktpalette. So wurde Veganz vom Retailer zum Großhändler und machte sich somit quasi selbst Konkurrenz. Statt in Bredacks Supermärkten, kaufen die Leute ihre veganen Produkte nun in den Geschäften, die Bredack beliefert. Die Umsätze im Retail brachen ein - im Jahr 2017 eröffnete Veganz für die Veganz Retail GmbH ein Planinsolvenzverfahren. Bredacks Modell der veganen Supermarktkette war gescheitert.

Working Capital macht den Unterschied im Handel

Im Geschäft mit großen Lebensmittelketten und ihren strikten Konditionen steigt der Bedarf an Working Capital massiv. Veganz-Gründer Bredack muss permanent lieferfähig bleiben und bei Bedarf die Produktionsmenge erhöhen können, um das wertvolle Listing bei Lidl, Rewe und Co nicht zu verlieren. Ein kapitalintensives Geschäftsmodell mit hohem Risiko für die Produzenten im Lebensmitteleinzelhandel. Ihr Geld sehen die Unternehmen oft erst dann, wenn die Ware verkauft ist. Folglich müssen Produkte vorfinanziert werden. Wird der Kapitalbedarf falsch kalkuliert, droht die Insolvenz.

Und gerade Veganz wurde nach der Planinsolvenz des eigenen Retails von Kapitalgebern kritisch beäugt. Die Situation zwang Jan Bredack dazu sich detailliert mit dem eigenen Working Capital und Cashflow (zu deutsch: Zahlungsströme) auseinanderzusetzen. Banken schmetterten nach wochenlangen Wartezeiten ihre Kreditanträge ab. Zu schlecht sei die Bonität, das Geschäftsmodell zu schnelllebig und risikoreich.

Working Capital Management war ein Schlüssel für unsere Wachstumsstory.

Veganz-Gründer Jan Bredack

Working Capital Management in der Praxis

Mit dem Modell der Einkaufsfinanzierung über VAI Trade fand Jan Bredack eine Lösung. Spezialisierte Anbieter haben sich neben den Banken für die Vorfinanzierung von Rohstoffen, Materialien und Waren am Markt positioniert. Mit der auch als Finetrading bekannten Finanzierungsform streckt Veganz die eigenen Zahlungsziele bei ihren Lieferanten um Monate in die Zukunft. Dadurch gewannen die Berliner die nötige Liquidität und konnten sowohl Verkaufsschlager nachproduzieren als auch gleichzeitig neue Produkte entwickeln.

Vom Supermarktbesitzer zum Markenartikelhersteller

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Mittlerweile ist die Produktpalette auf über 165 Artikel herangewachsen - vom Schokoriegel, über Pizza bis hin zu veganem Lachs. Neben der Entwicklung von Produkten haben sich auch die Distributionskanäle geändert. Statt eigene Läden zu betreiben, beliefert Veganz jetzt die Big Player des Lebensmitteleinzelhandels: Rewe, Lidl und Aldi. Insgesamt 15.000 Verkaufsstellen in über 26 Ländern.

Heute ist Jan Bredack mit Veganz der führende Hersteller von veganen Lebensmitteln in Europa. Die gewonnene Liquidität wurde zum Beispiel in Marketing investiert. Zurück zu Daimler will Bredack nicht mehr. In seinem Buch sprach er von einem “System der Angst” im Automobilkonzern.

Jetzt verfolgt er mit Veganz eine Vision mit vollster Überzeugung: “Weltweit Menschen zu einer pflanzlichen Ernährung motivieren sowie zu einem verantwortungsvollen Umgang mit unserer Umwelt.”

Maximilian Klein

Über den Autor

Maximilian Klein

Maximilian Klein ist 1984 in Berlin geboren und studierte nach seiner Ausbildung in Hamburg Journalismus. Während seines Studiums ging er nach Tel Aviv, wo er für die Deutsche Botschaft in der Presseabteilung arbeitete. Von 2014 bis 2018 arbeitete er für den Radiosender Deutschlandfunk Kultur und den WDR als Autor und Journalist. Seine Features und Reportagen befassen sich mit politischen und wirtschaftlichen Themen in Deutschland und dem Nahen Osten.

Seit 2018 ist er als PR-Berater und freier Autor tätig.