Konjunktur: Wirtschaftsforscher diagnostizieren Konjunktureinbruch

15.04.2020

 

Die an der Gemeinschaftsdiagnose teilnehmenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben am 8. April ihr neues Frühjahrsgutachten veröffentlicht. Gemäß dem Gutachten, das den Titel „Wirtschaft unter Schock – Finanzpolitik hält dagegen“ trägt, löst die Corona-Pandemie eine schwerwiegende Rezession in Deutschland aus.

Um die Verbreitung des neuartigen Coronaviruses einzudämmen, schränkte der Staat die wirtschaftlichen Aktivitäten erheblich ein. Nach Einschätzung der Wirtschaftsforscher dürfte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands im Zuge dessen 2020 gegenüber dem Vorjahr um 4,2 % zurückgehen. Auch auf dem Arbeitsmarkt, bei den öffentlichen Finanzen und bei den Verbraucherpreisen werde die Rezession merkliche Spuren hinterlassen. Die Arbeitslosenquote wird nach Auffassung der Ökonomen in der Spitze auf 5,9 % und die Kurzarbeiterzahl auf 2,4 Mio. steigen.

Der gesamtstaatliche Finanzierungssaldo werde im Zuge der finanzpolitischen Stabilisierungsmaßnahmen 2020 mit einem Rekorddefizit von 159 Mrd. Euro abschließen. Für die Inflations-rate wird angesichts des krisenbedingten Ölpreisverfalls ein Rückgang auf 0,6 % prognostiziert. Der Gemeinschaftsdiagnose zufolge wird sich die Konjunktur aber nach dem annahmegemäß bis Mitte April dauernden Einfrieren von Teilen der Wirtschaft schrittweise wieder erholen. Vor diesem Hintergrund sei 2021 mit einem kräftigen BIP-Anstieg um 5,8 % zu rechnen. Die Autoren des Frühjahrsgutachtens betonen die Risiken, die der Wirtschaftsausblick derzeit zeige. So könne sich die Pandemie deutlich langsamer abschwächen als im Gutachten unterstellt. Auch sei denkbar, dass das wirtschaftliche Wiederhochfahren schlechter gelingt als angenommen oder dass es zu einer neuen Ansteckungswelle kommt.

Das im Frühjahrsgutachten skizzierte Konjunktur-bild ist aus BVR-Sicht als ein zuversichtliches V-Szenario zu bewerten. Als V-Szenario wird ein kurzer, aber gravierender Einbruch der Wirtschaftsleistung verstanden, auf den rasche Aufholeffekte folgen mit dem Ergebnis einer baldigen Rückkehr zum Ausgangszustand. Anders als in der Gemeinschaftsdiagnose wurde zuletzt im Rahmen vieler anderer Prognosen wegen der enormen Unsicherheiten über den weiteren Pandemie-Verlauf und dessen wirtschaftliche Folgen statt Punktprognosen, Szenarien zu verschiedenen Entwicklungsverläufen vorgelegt. Neben dem V-Szenario wird dabei vielfach ein U-Szenario betrachtet. Beim U-Szenario ist die Annahme, dass der Wirtschaftseinbruch länger anhält und entsprechend der Ausgangszustand später erreicht wird. Beispielsweise erwartet das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in seinem aktuellen V- bzw. U-Szenario einen BIP-Rückgang um 4,5 % bzw. 8,7 %.

Industrierezession endete vor der Corona- Krise

In Deutschland hat sich die Industriekonjunktur vor dem Ausbruch der Corona-Krise merklich belebt. Die etwa zweijährige Schwächephase lief damit vorübergehend aus. Wie das Statistische Bundesamt anhand vorläufiger Angaben mitteilte, erhöhte sich die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes im Februar erneut. Der Ausstoß legte gegenüber dem Vormonat preis-, kalender- und saisonbereinigt um 0,4 % zu, nachdem er im Januar um kräftige 2,9 % gestiegen war. In dem weniger schwankungsanfälligen und daher für konjunkturelle Analysen aussagekräftigeren Zweimonatsvergleich Januar/Februar gegenüber November/Dezember expandierte die Industrieproduktion um 1,9 %. Im Baugewerbe ist die Produktion im Zweimonatsvergleich ebenfalls deutlich gestiegen (+4,4 %). Hier verlief die Entwicklung, nach einem witterungsbedingt sehr wachstumsstarken Januar (+8,0 %), im Februar erwartungsgemäß zurückhaltender (-1,0 %).

Aufträge vor Krisenbeginn aufwärtsgerichtet

Dass die Industrierezession im Vorfeld der Corona-Krise ausgelaufen war, zeigt sich auch in den amtlichen Daten zu den Auftragseingängen im Verarbeitenden Gewerbe. Die Bestellungen sind im Februar zwar mit einer Verlaufsrate von 1,4 % gesunken, wobei rückläufigen Auslandsorders (-3,6 %) einer weiter zunehmenden Inlands-nachfrage (+1,7 %) gegenüberstanden. Ohne Berücksichtigung von Großaufträgen ergab sich jedoch insgesamt ein Anstieg um 1,1 %. Auch im Zweimonatsvergleich Januar/Februar gegenüber November/Dezember war ein Zuwachs zu verzeichnen, um kräftige 3,3 %. Die Belebung der Industriekonjunktur im Januar und Februar wurde im März abrupt beendet. Das Wirtschaftsleben wurde und wird durch die Coronavirus-Pandemie erheblich eingeschränkt. Es zeichnet sich daher ab, dass die Industrieproduktion und die Industrie-Auftragseingänge ab März kräftig einbrechen werden.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR