Finanzmärkte: Zu früh gefreut…

14.10.2019

Die Erwartungen waren hoch, das Ergebnis kann sich sehen lassen. Boris Johnson konnte mit den Unterhändlern der EU einen angepassten Brexit-Vertrag aushandeln.

Unabhängig vom Inhalt und der bereits erklärten Ablehnung durch den Koalitionspartner der Tories – der nordirischen DUP – hängt eine Zustimmung im Parlament mit der politischen Strategie der Protagonisten zusammen. Die Verschiebung der Abstimmung am Samstag hatte sicherlich vorrangig das Ziel, Boris Johnson zu zwingen, bei der EU eine Verlängerung zu beantragen. Ob es in der aktuellen Woche eine Zustimmung gibt, hängt nun maßgeblich davon ab, was Labour und die Liberaldemokraten im kommenden Wahlkampf für eine Strategie verfolgen. Labour und ganz besonders Jeremy Corbyn haben sich dabei augenscheinlich in eine lose-loselose- Situation manövriert. Boris Johnson kann nun bei den noch nicht beschlossenen Wahlen in den kommenden Monaten behaupten, dass er sogar noch einen „besseren“ Deal ausgehandelt hat und Labour nun verantwortlich für einen harten Brexit ist, wenn Labour weiterhin ablehnt. Sollte das Parlament den Vertrag mit den Stimmen der oppositionellen Labour-Partei ratifizieren, wäre Johnson der Premier, der es geschafft hat, geordnet aus der Europäischen Union auszuscheiden. Und sollte die EU, den nicht unterschriebenen Antrag auf Fristverlängerung zustimmen, würde auch dies bedeuten, dass Johnson alles gegeben hat, um den Brexit zu vollziehen. Allerdings wurde er vom Parlament und ganz besonders vom politischen Gegner gezwungen, den Brexit aufzuschieben. In allen drei Fällen könnten die Tories einen sehr offensiven Wahlkampf führen und würden Labour in die Defensive zwingen. Labour bleibt noch die Forderung, eine Verlängerung zu nutzen, um den aktuellen Vertrag in eine Volksabstimmung einzubringen – für einen Wahlerfolg allerdings etwas wenig.

Die Unsicherheit an den Märkten sollte anhalten, schlimmer jedoch sind die mittel- und langfristigen Folgen für die Unternehmen und die Wirtschaftsleistung insbesondere in Großbritannien, abgeschwächt jedoch auch im Rest der EU.

Bunds: Risk on lässt Renditen weiter steigen

Die Renditen von Bundesanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit stiegen in der vergangenen Woche insbesondere aufgrund der Brexit-Hoffnungen. Zehnjährige Bunds rentierten bei -0,38 % und US-Treasuries kaum verändert bei 1,75 %.

Ölpreise: Hoffnungen vs. Realität

Der Ölpreis profitierte in den vergangenen Tagen von den Hoffnungen auf eine Einigung bei zwei der geopolitischen Risiken: dem Brexit und dem Handelsstreit zwischen den USA und China. Allerdings mussten die Marktteilnehmer auch Daten über eine schlechtere Wirtschaftsentwicklung in China und steigende Rohöllager in den USA verkraften. Beides sind Indizien, die auf eine geringere Nachfrage nach Rohöl hindeuten. Insofern verlief die Woche für die Preise von Rohöl volatil. Die europäische Sorte Brent notierte am Freitag leicht schwächer im Vergleich zur Vorwoche bei etwa 59,35 Dollar und die US-Sorte WTI ebenfalls geschwächt bei rund 53,75 Dollar pro Barrel.

Devisen: Brexit-Hoffnung stützt Euro und GBP

Insbesondere die Hoffnungen auf einen geregelten Brexit stärkte in der vergangenen Woche den Euro abermals gegenüber dem US-Dollar. Zeigen diese Marktreaktionen auf der einen Seite wie entlastend Lösungen für diese geopolitischen Risiken für die Eurozone wären, deuten sie zugleich an, was die Marktteilnehmer von der wirtschaftlichen ntwicklung in den jeweiligen Währungskreisen erwarten. Die Eurozone scheint ihrem Tiefpunkt nah, zudem kann die EZB den Euro durch Zinssenkungen kaum noch unattraktiver machen. Auf der anderen Seite leidet die US-Wirtschaft bereits sichtbar unter dem Handelskonflikt. Weitere Zinssenkungen im Oktober sind zu erwarten, entsprechend schwächt sich der US-Dollar gegenüber dem Euro ab. Am Freitag notierte dieser bei etwa 1,115 Dollar pro Euro. Einzig das britische Pfund notierte gegenüber dem Euro stärker – getrieben durch die Erwartungen an einen geregelten Brexit. Für einen Euro mussten am Freitag lediglich etwa 0,86 GBP gezahlt werden. Geringer war der Gegenwert des Euro zuletzt im Mai 2019.

DAX kurzzeitig über 12.800 Punkten

Der Deutsche Aktienindex profitierte insbesondere am Donnerstag von den positiven Meldungen zum Brexit. Im Tagesverlauf notierte der DAX zunächst gestärkt in der Spitze bei knapp über 12.800 Punkten. Er verlor anschließend jedoch wieder, nachdem bekannt wurde, dass die nordirische DUP den neuen Kompromiss zum Brexit-Vertrag nicht mittragen würde. Im Laufe der Woche stieg der Index leicht um 130 Punkte auf 12.634 Punkte. Der Dow Jones schloss am Freitag mit 26.770 Punkten im Minus. Neben der Ernüchterung im Handelsstreit belastete auch die Berichtsaison mit durchwachsenen Meldungen.

Quelle: Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken – BVR