Im Brunnenviertel wird mehr als nur gekickt – ein Lehrstück über Fußball und Naturschutz

03.12.2015

Ein ganz normaler Sportplatz. Mitten in der Großstadt. Lärmende Stimmen, Gelächter, Bewegung. Unter dem sanften Flutlicht üben Kinder und Jugendliche mit und ohne Ball gleichzeitig in mehreren Gruppen. Sie dehnen sich, rennen und folgen den Anweisungen ihrer Trainer. Sie alle kommen aus dem Weddinger Brunnenviertel und dem benachbarten Mitte – aus zwei scheinbar gegensätzlichen Welten. Sie treffen sich hier jede Woche und spielen zusammen Fußball. Kiezkinder, Kinder mit Wurzeln, die in die ganze Welt reichen, in die Türkei wie nach Süddeutschland, nach Syrien wie nach Russland, Irak und Afrika.

Zusammen mit ihren Eltern haben sie aus einem verwilderten, verdreckten, alten Sportplatz etwas Einmaliges gemacht. Ein Treffpunkt des Viertels, an dem nicht nur Sport getrieben, sondern auch gegärtnert wird. An dem an Spieltagen am grünen Buffet gesunde Köstlichkeiten serviert werden und nicht nur Cola, Bratwürste und Süßigkeiten. Ein Ort, an dem gemeinsam gespielt, gelebt und etwas über das Leben gelernt wird, wo Vielfalt auch im ökologischen Sinne ihren Platz hat.

Auf dem Fußballplatz des SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e.V. im Brunnenviertel spielen Kinder aller Nationalitäten miteinander.
Auf dem Fußballplatz des SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e.V. im Brunnenviertel spielen Kinder aller Nationalitäten miteinander.

Die Sterne des Sports auf dem Natur-Lehr-Pfad

Dafür haben sie eine Auszeichnung bekommen: Der SV Rot-Weiß Viktoria Mitte 08 e.V. ist der diesjährige Berliner Preisträger des Großen Stern des Sports – verliehen von der Berliner Volksbank und dem Landessportbund. Und das mit einer Idee, die über den Sport hinaus denkt. Der Fußballplatz wird mit seinem Gelände zum Lebensraum, in dem mitten in der Stadt biologische Vielfalt für die Sportler, die Familien und die Anwohner erlebbar wird. "Sport Bio Diversität" heißt das Projekt, das der Verein gemeinsam mit dem Landessportbund Berlin auf die Beine gestellt hat. Und wie so oft hat alles mit einer spontanen Aktion begonnen.

Janine Gensheimer, Leiterin Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, erinnert sich: "Als es hier in der Stralsunder Straße mit dem Fußballspielen losging, war das einfach ein verwilderter Sportplatz. Also veranstalteten wir Aktionstage zum Säubern. ‘Rot und Weiß ist gleich Grün’, so lautete unser Motto und so gingen unsere Gärtnertage los. Aufräumen, Schere in die Hand nehmen, den hohen Zaun hinter dem Fußballplatz von den ganzen Schlingpflanzen befreien, die Kanalisationsrinnen reinigen". Aus den gemeinsamen Aufräumaktionen entwickelten sich neue Ideen. "Wir haben uns gefragt, was will dieses Gelände?", meint Janine Gernsheimer. "Wir haben Gartenplaner gefragt, Biologen, das Bezirksamt miteinbezogen. Rund um einen Sportplatz liegen viele Flächen brach. Wir wollten das Gelände in seiner ganzen biologischen Vielfalt entwickeln."

Janine Gensheimer (Öffentlichkeitsarbeit) war von Anfang an bei der Erschließung der Sportstätte dabei.
Janine Gensheimer (Öffentlichkeitsarbeit) war von Anfang an bei der Erschließung der Sportstätte dabei.

Hochbeete mit Kohlrabi und Nistplätze für Fledermäuse

Ein langfristig angelegtes Projekt entstand, bei dem viele mitmachen: Kinder, Jugendliche, Eltern, Trainer, Helfer und Experten wie die Gemeinschaftsgärtner vom Mauergarten e.V. und Unterstützer wie Schirmherrin und Bezirksstadträtin Sabine Smentek.

Julian, begeisterter Fußballer und zwölf Jahre alt, meint: "Wir haben gebuddelt und Raum für die Kräuter geschaffen und damit für die Schmetterlinge." Und der siebenjährige Matteo ergänzt: "Beim Kräutergarten habe ich den Schutzzaun aus Ästen mitgebaut." Außerdem wurden Vogelhäuser aufgehängt, Nistplätze für Fledermäuse und Eichhörnchenstationen entworfen und ein großes Insektenhotel eröffnet. In den selbstgebauten Hochbeeten reifen Tomaten, Karotten und Kohlrabi heran, um jedes Jahr geerntet zu werden. Und der erwähnte Kräutergarten samt Schmetterlingsbeeten verleiht dem Ganzen seine ganz eigene Duftnote und flatternde Farbtupfer.

Der Verein erhielt für sein Projekt „Sport Bio Diversität“, bei dem auch Bienenhotels entstanden, den Großen Stern des Sports.
Der Verein erhielt für sein Projekt „Sport Bio Diversität“, bei dem auch Bienenhotels entstanden, den Großen Stern des Sports.

Längst ist das Projekt über den Fußballplatz hinausgewachsen – hinein in den bunten Brunnenviertelkiez. Eine Green Ralley führt als Sport-Natur-Lehrpfad alle Interessierten durch den Kiez zu den Orten, die ebenfalls die biologische Vielfalt im Stadtraum fördern. Grün ist mittlerweile auch das Buffet, das an den Spieltagen aufgetischt wird. Rik Fortmann, Fußballtrainer und Sportwissenschaftler, weiß wie wichtig gesunde Ernährung gerade für die Kinder und Jugendlichen ist: „Ich hab mich einmal tierisch bei einem Turnier aufgeregt. Die Handschuhe des Torwarts waren nicht mehr zu finden, weil sie unter Bergen von Chips und Süßigkeiten in der Sporttasche begraben waren. Deshalb ist es super, dass wir beim Buffet umgestellt haben. Jetzt gilt: Mindestens 50 Prozent Salat und viel Obst. Natürlich gibt es auch noch Kartoffelsalat und interkulturelle Speisen wie Couscous."

Valentin, Julians jüngerer Bruder, liebt besonders die selbstgemachten Smoothies. Er  findet den großen Kirschbaum hinter dem Kräuterbeet so cool, weil die reifen Kirschen ihren Weg genauso in die Smoothies finden wie die Wildkräuter und das selbstgeerntete Gemüse. Auch wenn, wie Janine Gensheimer lachend erzählt, "viele Kinder unsere Möhren und Kohlrabi erst gar nicht essen wollten, weil sie schmutzig waren und nicht so aussahen wie im Supermarkt."

Gemeinsam gärtnern, Fußball spielen, essen, trinken und feiern, neues lernen und sich im Kiez vernetzen, das auf jeden Fall hat das ausgezeichnete Projekt bewirkt. Und das spricht für den erfolgreichen Weg, den der erst 2008 gegründete Verein mit seinen bereits 2.600 Mitgliedern, die natürlich auch in vielen weiteren Sportarten neben Fußball aktiv sind, eingeschlagen hat.

Weitere Infos zu Verein und Projekt:

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