Wir sind alle Berliner Wasserratten

10.11.2014

Montagnachmittag halb vier im Paracelsusbad in Reinickendorf: Das tiefblaue 25-Meter-Becken ist voller Kinder. Es geht bunt zu, aber nicht lärmig. Die Kleinen überqueren den Mini-Ozean so zielstrebig wie Queen Mary 2 den Atlantik. Hilfsmittel sind dabei erlaubt: Schaumstoffschlangen, Schwimmgürtel und -ärmel helfen beim Kopf über dem Wasser halten. Gerade verlassen die Kinder aus der Kita-Gruppe das große Becken und springen zum Abschluss des Trainings noch einmal ins Kinderbecken.

Die Kinder der Integrationsgruppe schnappen sich die Schwimmbretter und Schwimmnudeln. Einige von ihnen schwimmen allerdings schon längst wie Wasserratten. Oder "wie ein Weltmeister", denn das sagt Melanie Schirr über ihren 14jährigen Sohn mit Down-Syndrom. Seit sieben Jahren zieht er im Schwimmbecken seine Bahnen. "Er schwimmt ganz lange und ausdauernd und liebt es zu tauchen." Die Mutter beobachtet immer von der Tribüne aus wie ihre drei Kinder – die zwei jüngeren Schwestern schwimmen gemeinsam mit ihrem Bruder – die Stunde im Wasser genießen.

Mädchen betreibt Rückenschwimmen im Schwimmbad
Mit den richtigen Hilfsmitteln fällt das Schwimmen gleich viel leichter.

Ein Schwimmverein setzt auf Inklusion

"Das Schöne an den Integrationsgruppen ist: Es fördert das soziale Lernen bei den behinderten wie bei den nichtbehinderten Kindern". Roswitha Knull, Schwimm- und Reha-Trainerin bei den "Berliner Wasserratten e.V.", weiß wovon sie spricht. Seit 2009 steht sie ehrenamtlich am Beckenrand, gibt den Kids Tipps, leistet Hilfestellung und schaut ruhig und aufmerksam nach dem Rechten. "Kinder sind die besten Vorbilder. Wenn eins etwas vormacht, spornt das die anderen – Kinder mit wie ohne Behinderung – an, es gleich nachzumachen. Die Integrationskinder lernen durch Zuschauen viel schneller, als wenn der Trainer ihnen etwas erklärt."

Inklusion, das neue Ziel der Berliner Wasserratten, ist für sie eine Win-Win-Situation: "Die Kinder ohne Behinderung lernen wie nebenbei, dass das gemeinsame Schwimmen das Normalste auf der Welt ist. Ihre Erfahrungen mit behinderten Kindern können sie dann auch in Alltagssituationen wie der Schule anwenden." Und damit hat die Trainerin bereits in wenigen Worten das große Ziel der Inklusion erklärt.

4 Kinder mit Schwimmhilfen lachen in die Kamera
Inklusion wird bei den Berliner Wasserratten gelebt.

Sozial engagiert und ein echter Stern des Sports

Die Berliner Wasserratten sind seit jeher gesellschaftlich engagiert. Der vor genau 125 Jahren gegründete Schwimmverein trainiert Wettkampfschwimmer, macht Fitness-Kurse für übergewichtige Kinder und arbeitet mit rund 30 Kitas, vielen Schulen und Horte zusammen. Er bringt Kindern aus einkommensschwachen Familien den Spaß am Wasser und das Schwimmen ebenso bei wie Menschen mit Behinderung.

Mit ihrem neuen Programm WASRA inklusiv gehen die Wasserratten jetzt noch einen Schritt weiter. "Es fand ein Umdenken im Verein statt und daher wollen wir sämtliche Schwimmgruppen im Verein für die Inklusion öffnen", erklärt Dieter Kersten, Geschäftsführer des Fördervereins, den neuen Ansatz. Er ergänzt: "Wir machen erstmals einen Kurs im Baerwaldbad in Kreuzberg und starten dort mit einer Inklusionsgruppe. Behinderte und nicht Behinderte trainieren von Anfang an zusammen".

Schwimmmeisterin steht am Beckenrad und schaut in die Kamera
Ein großes Team an ehrenamtlichen Trainern sorgt für eine individuelle Betreuung.

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