EZB-Zinserhöhung voraus
Am Donnerstag, dem 11. Juni, verkündet der EZB-Rat seine Entscheidung über das Zinsniveau im Euroraum. Eine Zinserhöhung scheint dabei eine ausgemachte Sache zu sein. Die in der vergangenen Woche gemeldete Euroraum-Inflation im Mai von 3,2 % nach 3,0 % im April wurde zwar so erwartet, dürfte die Entscheidung aber endgültig besiegelt haben. Auch das sogenannte Inflationsmomentum, also die Entwicklung der Inflationsrate auf Monatssicht bzw. im Dreimonatsvergleich, deutet auf eine Beschleunigung der Preissteigerungen in den meisten Inflationsgruppen hin. Die Ratsmitglieder bereiten die Märkte und die Öffentlichkeit dabei seit Längerem in ihren Reden und Beiträgen auf den bevorstehenden Zinsschritt vor. Der geldpolitisch relevante Einlagesatz würde dann von 2,0 % um 25 Basispunkte auf 2,25 % erhöht. Neben der Zinsentscheidung werden am Donnerstag auch die neuen Inflationsprojektionen veröffentlicht. Im März wurde hier für das Basisszenario eine Inflationsrate im Euroraum im Jahr 2026 von 2,6 % prognostiziert; dies darf inzwischen als überholt angesehen werden. Angesichts der nach wie vor anhaltenden Blockade der Straße von Hormus ist davon auszugehen, dass der Wert nun nach oben korrigiert wird.
Die EZB würde sich damit nach wie vor im Bereich des neutralen Zinses bewegen, der nach aktuellen Schätzungen zwischen 1,75 % und 2,25 % liegen dürfte. Da die Inflation bislang in erster Linie auf die höheren Energiepreise zurückzuführen ist, gegen die die EZB nichts ausrichten kann, und Zinserhöhungen zudem nur mit zeitlicher Verzögerung wirken, ist dieser Schritt in erster Linie symbolisch zu sehen und trägt im besten Fall zu einer Verankerung der Inflationserwartungen bei. Nachdem die EZB während der letzten Inflationsphase ihre Zinsen nach einhelliger Meinung zu spät erhöht hat, versucht sie nun, diesen Eindruck nicht ein zweites Mal entstehen zu lassen. Gleichwohl sollten die Währungshüter vorsichtig agieren. Die Zinserhöhungen dämpfen bei begrenzter Wirksamkeit die ohnehin fragile wirtschaftliche Entwicklung im Währungsraum zusätzlich.