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Drei ältere Personen sitzen gemeinsam am Esstisch und unterhalten sich bei Kaffee und Gebäck.
Gemeinsames Leben in der Senioren-WG. Das wünschen sich immer mehr Menschen. | © Adobe

29.10.2026 | Lesezeit: 7 Minuten

Betreutes Wohnen statt Pflegeheim: Marktentwicklung im Pflegesektor

Menschen wollen möglichst lange selbstbestimmt leben. Deshalb wächst die Nachfrage nach Betreutem Wohnen, nach Senioren-WGs und ähnlichen Wohnformen, die auf Eigenständigkeit setzen. Jetzt muss nur noch das Angebot nachziehen. 

Das Wichtigste in Kürze

  • Ambulant statt stationär: Die Zahl der Menschen, die in Pflegeheimen leben, stagniert. Stattdessen boomt die Nachfrage nach Betreutem Wohnen – das Angebot kommt kaum hinterher. 
  • Die Schere bei den Mieten: Je besser die Betreuung, desto teurer wird Betreutes Wohnen. Allein mit der gesetzlichen Rente wird diese Wohnform immer schwieriger zu finanzieren. 
  • Laufende Kosten senken: Für Betreiber ist Betreutes Wohnen ebenfalls attraktiv, da die laufenden Kosten geringer ausfallen als bei vollstationärer Pflege im Heim. 

Bloß nicht ins Heim: Das ist der Wunsch vieler Menschen. Sie wollen zu Hause, auf jeden Fall möglichst selbstbestimmt leben – auch dann, wenn sie Unterstützung brauchen. Diese Botschaft kommt an. In Berlin und Brandenburg wird Betreutes Wohnen (neuerdings oft Service-Wohnen genannt) verstärkt angeboten, auch Lebensformen wie Senioren-WGs werden selbstverständlicher. 

Das Angebot an Betreutem Wohnen ist seit 2018 um rund 30 Prozent auf deutschlandweit mehr als 8300 Standorte mit 387.000 Wohnungen gestiegen, wie der Datendienstleister Pflegemarkt.com berechnet hat. Mehr als ein Drittel aller Bauprojekte im Pflegesektor sind mittlerweile Betreute Wohnanlagen, von denen mehr als die Hälfte mit einer Tagespflege kombiniert werden. Rund 15 Prozent der Anbieter verbinden Pflegeheime mit betreutem Wohnen. Insgesamt entsteht auf über der Hälfte der aktuellen Baustellen eine betreute Wohnanlage. Das Problem: Die Nachfrage steigt deutlich schneller als das Angebot. 

Die frühe Entscheidung fürs Senioren-Wohnen

Das hat auch mit einem Umdenken bei der Klientel zu tun. Solange es nur die Wahl zwischen dem gewohnten Zuhause und dem Pflegeheim gab, wurde der Gang ins Heim so lange aufgeschoben, wie es irgendwie ging. Und das war meist jenseits des 80. Geburtstags. Die Wahl für Service-Wohnen oder auch Senioren-WGs hingegen wird wesentlich früher getroffen, oft schon vor dem 70. Geburtstag. Es ist eine Entscheidung dafür, das Alter nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Das Leben in einer modernen Wohnanlage mit sportlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Aktivitäten beugt vielen Folgen des Alters vor. Tritt dennoch der Bedarf an Pflege ein, wird sie in einem professionell aufgestellten Umfeld deutlich erleichtert.

„Betreutes Wohnen hat sich zu einer der stärksten Säulen im Pflegemarkt entwickelt“, sagt Jan Grabow, bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Curacon zuständig für den Bereich Altenpflege. Das liegt vor allem auch daran, dass das Betreute Wohnen inzwischen mit mehr und mehr Service- und Pflegeleistungen kombiniert wird. So kommt es auch für Pflegebedürftige in Frage, oft selbst für Bewohner mit höheren Pflegegraden.

Berlin und Brandenburg sind unterversorgt

In 94 Prozent aller Kommunen ist die Nachfrage von Betreutem Wohnen höher als das Angebot, hat eine Terragon-Studie bereits 2019 berechnet. Unter der Annahme, dass nur fünf Prozent der über 65-Jährigen Bedarf und Interesse an Service-Wohnen haben, boten seinerzeit nur drei der 30 größten deutschen Städte (Frankfurt am Main, Leipzig und Stuttgart) ausreichend viele Plätze an. In den anderen Städten lag die Versorgungsquote durchschnittlich unter zwei Prozent, obwohl dort mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt. An diesem Defizit hat sich grundsätzlich wenig geändert.

In der Hauptstadt gibt es laut „Ratgeber Berlin“ fast 200 Einrichtungen für Betreutes Wohnen, mit insgesamt mehr als 15.000 Plätzen. Die Nachfrage gilt in allen Bezirken als hoch. In Brandenburg gibt es schätzungsweise mehr als 100 größere barrierefreie Wohnanlagen mit Serviceangeboten. Vor allem im Berliner Speckgürtel entstehen moderne Quartiere, während das Angebot in den ländlichen Regionen eher übersichtlich bleibt.

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Babyboomer planen ihre Zukunft

Um den aktuellen Bedarf zu decken, müsste es laut Immobiliengesellschaft Real I.S. deutschlandweit etwa 25 Prozent mehr Betreute Wohnungen geben. „Selbst unter der optimistischen Annahme, dass der Bestand Betreuter Wohnangebote bis zum Jahr 2040 jährlich um 2 Prozent wachsen würde, würde die Versorgungslücke immer noch 11 Prozent betragen“, hat Real I.S. berechnet. Das liegt auch an der steigenden Zahl der Babyboomer, die ins Rentenalter wechseln und ihre Zukunft gestalten wollen.

Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit 

Wenn sich diese Zielgruppe vor Ort nach den Möglichkeiten für Betreutes Wohnen umschaut, wird sie entweder mit langen Wartelisten konfrontiert – oder mit Angeboten, die ihren Ansprüchen nicht genügen. Die Angebote seien oft „nicht bedarfsgerecht gestaltet“, fasst Britta Klemm von der Beratungsgesellschaft SozialGestaltung eine Branchenumfrage zusammen. Viele Bestandsimmobilien sind sanierungsbedürftig, bei 40 Prozent lag die letzte Renovierung mindestens zehn Jahre zurück.

„Barrierefreie Grundrisse, funktionierende Quartiersanbindung, Serviceflächen und Gesundheitsangebote schaffen Mehrwert, erhöhen aber zugleich die Kostenstruktur“, sagt Thomas Lehmann, Director bei Wüest Partner, einem Dienstleister für die Immobilienwirtschaft. Lehmann plädiert dafür, „nicht nur mehr, sondern vor allem bezahlbare Wohnungen für ältere Menschen“ zu schaffen. Denn „die Schere zwischen Mieten und Kaufkraft geht immer weiter auf“, sagt Anja Sakwe Nakonji, Geschäftsführerin der Strategieberatung Terranus. Abhängig von Ausstattung und Service liegen die Mieten für Betreutes Wohnen zwischen 10 und 50 Prozent über den Vergleichsmieten, ergeben Marktstudien von Terranus und KDA/BfS. Wer nur seine gesetzliche Rente einzubringen hat, kann sich die Kosten für Service-Wohnen daher immer seltener leisten. 

Seniorenstifte und Seniorenresidenzen

Besonders teuer sind Seniorenresidenzen, mitunter auch Seniorenstifte genannt. Sie punkten mit großen Privaträumen, luxuriöser Zusatzausstattung wie Fitnessstudio, Sauna, Bibliothek oder auch Schwimmbad und einer Vielzahl von Freizeitangeboten. Durch den hotelähnlichen Service müssen sich Bewohner:innen keine Sorgen um den Haushalt machen, zudem werden sie jederzeit medizinisch und pflegerisch versorgt.

Statt einer Miete berechnen Seniorenresidenzen meist Pensionspauschalen, die günstigenfalls bei etwa 1500 Euro beginnen. Je nach Ausstattung und Angebot können schnell mehrere tausend Euro pro Monat anfallen. Im Berliner Tertianum gegenüber des KaDeWe beispielsweise kostet ein Zwei-Zimmer-Apartment mit etwa 70 Quadratmetern mindestens 5950 Euro. 

Leistungen kombinieren, Kosten senken

Auch wenn Seniorenresidenzen wie das Tertianum nur etwas für Gutbetuchte ist: Grundsätzlich ist Service-Wohnen preiswerter als eine gleichwertige vollstationäre Pflege. Es wird weniger Personal benötigt und „auch die vom Pflegebedürftigen zu tragenden Kosten – beziehungsweise nachgelagert vom Sozialhilfeträger – fallen niedriger aus“, sagt Curacon-Experte Grabow. In ambulant betreuten Wohnformen können Pflegebedürftige verschiedene Leistungen kombinieren: Sie bekommen Zuschüsse der Pflegeversicherung für ambulante Pflege und Tagespflege, außerdem übernimmt die Krankenkasse (nach SGB V) die Kosten für medizinische Behandlungspflege. In stationären Einrichtungen ist diese Kombination nicht möglich.

Damit eröffnen sich Chancen für Anbieter und Angebote, die sich genau auf dieses Marktsegment konzentrieren.

So geht Betreutes Wohnen

Alternative 1: Wohnen mit Pflegestützpunkt

Diese Wohnanlagen haben direkt im Haus einen Pflegedienst. Bewohner:innen erhalten bei Bedarf schnell und problemlos pflegerische Hilfe. Solche Anlagen eignen sich auch für Menschen, die bei Einzug oder in absehbarer Zeit einen Pflegebedarf haben. 

Alternative 2: Wohnen in einer an ein Pflegeheim angekoppelten Wohnanlage

Diese Wohnanlagen liegen in Nachbarschaft eines Alten- und Pflegeheims. Bei Bedarf können alle Leistungen des Heims wie Mahlzeiten, pflegerische Versorgung, hauswirtschaftliche Dienste und soziale Angebote in Anspruch genommen werden. 

Alternative 3: Wohnen mit integrierter Pflege und Versorgung

In diese Kategorie fallen Seniorenresidenzen und Wohnstifte, die rundum versorgen, betreuen und pflegen. Im Gegensatz zum Pflegeheim sind die Bewohner:innen weiterhin Mieter:innen einer Wohnung und haben grundsätzlich die Möglichkeit der Selbstversorgung. Häufig wird vom Träger ein lebenslanges Wohnrecht garantiert.

Profilbild Tobias Gärtner

Ihr Autor

Tobias Gärtner | BeratungsCenter Leiter

Tobias Gärtner verantwortet das Beratungscenter für Firmenkunden im Norden der Hauptstadt. Gemeinsam mit seinem 15-köpfigen Team begleitet er Unternehmen der Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwirtschaft und setzt sich täglich mit ihren Herausforderungen und Entwicklungsperspektiven auseinander. Dabei verfügt er über einen tiefen Einblick in die wirtschaftlichen und finanziellen Fragestellungen dieser Branchen.

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