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Eine Frau steht vor einem großen Regal und lächelt
Aynur Boldaz-Özdemir ist Gründerin der Forever Clean GmbH. Foto © Marcel Schwickerath

10.03.2026 | Lesezeit: 9 Minuten

Migraneurship: Von Null auf Neuanfang

Die Geschichten von Aynur Özdemir, Amelia Bryant und Tarek Abousamra erzählen von Vorbehalten und Hürden, aber noch mehr von Zuversicht und Mut. Denn eine gehörige Portion Mut ist nötig, um in einem anfangs fremden Land ein Unternehmen zu gründen. Ihre Migraneurship-Geschichten zeigen, wie aus Fremden renommierte Arbeitgeber werden.

Firmenkunden - Gründung - Artikel 

Das Wichtigste in Kürze

  • Gründungen: Menschen mit ausländischen Wurzeln gründen überdurchschnittlich oft Unternehmen – trotz aller Schwierigkeiten.  
  • Migraneurship: Entrepreneurship von Migranten braucht gleichwohl Unterstützung durch etablierte Kräfte vor Ort.  
  • Hilfestellungen: Bei Forever Clean half die IHK beim Start, bei Co-Tasker die finanzielle Unterstützung einer Kanzlei. 

Sneakers an und los. Aynur Özdemir eilt die Treppe hinunter ins Lager von Forever Clean. Waschmaschinen spülen den Berliner Schmutz aus Tüchern. Auf großen Ständern hängen Wischmopps zum Trocknen, wie ein improvisiertes Kunstwerk. „So sieht es jeden Morgen aus“, sagt Aynur Özdemir. Ihr Blick ist fest, stolz. Ihre Körperhaltung erzählt, was sie später in Worte fasst: Disziplin sei ihr wichtigstes Erfolgsrezept.

Ein Erfolg, an den vor 25 Jahren kaum jemand glaubte. Eine Frau führt eine Reinigungsfirma, die Menschen mit Behinderungen, mit Migrationsgeschichte, mit schwierigen Biografien einstellt? Heute beschäftigt Forever Clean rund hundert Angestellte, tariflich bezahlt und sozialversichert.

Gründen – gegen alle Widerstände 

1987, ein Novembermorgen in Berlin. Aynur Boldaz, wie sie damals hieß, steigt mit ihrem Koffer aus dem Zug. Ein anatolisches Dorf liegt hinter ihr und vor ihr eine Großstadt, deren Lärm und Dunkelheit sie fast erdrücken. Sie ist zu ihrem Mann gezogen, bekommt ein Kind, arbeitet als Hausfrau, aber das kann nicht alles sein: Sie will einen eigenen Beruf. Als Reinigungskraft putzt sie Böden, wischt Flure und wird Vorarbeiterin im Virchow-Krankenhaus. Sie entdeckt ihr Talent zur Führung. Und ihren Wunsch, frei zu sein. Nach drei Jahren kündigt sie ihren Job und trennt sich von ihrem Mann.

„Ich wollte etwas Eigenes aufbauen – aber was? Frau, Migrantin ohne Ausbildung, alleinerziehende Mutter: Die Liste der Hindernisse war lang“, erinnert sich Aynur Özdemir. Im Jobcenter wird sie belächelt. Als sie bei der IHK ist, geht die Beraterin mit ihr zum Fenster und sagt: „Schauen Sie, überall wird gebaut, das muss sauber gehalten werden.“ Der Funke springt über. Ein Reinigungsunternehmen – ja. Aber mit einem ganz neuen Konzept.

Etwa ein Drittel der Belegschaft bei Forever Clean besteht aus Menschen mit körperlichen und psychischen Behinderungen. Für manche Kunden war das gewöhnungsbedürftig, mittlerweile unterstützen sie die Idee. Denn die Ergebnisse sind einwandfrei, das gemischte Team ist eingespielt, ein Psychologe arbeitet für das Unternehmen. Fluktuation gibt es kaum. Die meisten Putzkräfte sind seit vielen Jahren nicht nur mit Forever Clean verbunden, sondern auch mit den Unternehmen, in denen sie tätig sind. Das Team betreut beispielsweise Krankenhäuser, Bürogebäude, Supermärkte sowie einen Großteil der Filialen der Berliner Volksbank.

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Diese Geschichten stammen aus unserem Businessmagazin B*. Die aktuelle Ausgabe befasst sich damit, wie globaler Geist die Region Berlin-Brandenburg stärkt. Lesen Sie die gesamte Ausgabe kostenlos online.

Gründer*innen mit ausländischen Wurzeln

Die Zahlen sprechen für sich: Laut Migrant Founders Monitor sind 14 Prozent der Gründerinnen und Gründer in Deutschland im Ausland geboren. Vielfalt kann wirtschaftliche Stärke entfalten. Doch der Weg dorthin ist steinig. Vorurteile, Bürokratie, Finanzierung – Aynur Özdemir kennt diese Hürden. Sie formten ihr Prinzip: „Chancen geben, wo keine zu sein scheinen. Andere ermutigen, dass auch sie es schaffen können.“ 2009 gründet sie gemeinsam mit ihrer Schwester eine Niederlassung in der Türkei. 2011 wird sie „Berliner Unternehmerin des Jahres“. Delegationen aus Japan und Saudi-Arabien reisen an, um zu sehen, wie diese Frau arbeitet, die mit Putzen die Welt ein Stückchen besser macht.

Menschen mit Migrationsgeschichte gründen überdurchschnittlich oft. Allein unter den Mitgliedsunternehmen der IHK Berlin hat jedes fünfte eine Geschäftsführerin oder einen Inhaber mit ausländischem Pass. Probleme mit der Bürokratie? „Kein Vergleich zu Bürgerkrieg und 4.000 Kilometer Flucht“, sagt Tarek Abousamra. 2015 kam er von Syrien allein über die Türkei nach Deutschland. „Mein Leben startete hier von vorn. Mit nichts in der Tasche, aber ich war in Sicherheit.“ 

Ein Mann und eine Frau stehen auf einem Marktplatz
Tarek Abousamra und Amelia Bryant bauten die bundesweit erfolgreiche Dienstleistungsplattform Co-Tasker auf. Foto © Marcel Schwickerath

Wie baut man eine digitale Community auf?

Der 34-Jährige sitzt an einem Tisch in seinem Büro in Berlin-Mitte zusammen mit Amelia Bryant, seiner Partnerin im Business und Leben. Vor ihnen ein Laptop, der die Startseite ihrer Plattform Co-Tasker zeigt. Beide reden Englisch miteinander, lachen viel, leuchten vor Begeisterung, wenn sie über ihre Projekte erzählen. Amelia Bryant ist 2018 aus Großbritannien nach Deutschland gekommen, im Kopf diese Vorstellung von Berlin als Schmelztiegel und Freiraum. Sie jobbt in einem Tech-Unternehmen, und sie trifft Abousamra, der seinen Traum mit ihr teilt: eine digitale Community aufbauen, in der jeder sowohl schnelle lokale Dienstleistungen als auch flexible Arbeitsmöglichkeiten finden kann.

Technische Kenntnisse haben sie beide nicht: Tarek Abousamra hatte BWL studiert, Amelia Bryant ihre Skills in Marketing und Branding. Trotzdem kündigen sie ihre Jobs und bleiben trotz Abfuhren von Banken zuversichtlich. Die Wende kommt, als sie einer großen Kanzlei ihre Idee vorstellen. Statt nur juristischen Rat zu geben, steigen die Anwälte als Partner ein und finanzieren den Start. „Diese erste Unterstützung war für uns die wichtigste“, sagt Abousamra: „Jemand hat an uns geglaubt.“

2020 geht Co-Tasker online. Die Community wächst schnell, heute ist sie in 23 deutschen Städten als lokale Plattform präsent, Tausende Menschen bieten darauf ihre Services an. Der professionelle Elektriker findet hier ebenso Aufträge wie die Hobby-Hundesitterin. „Oder der Typ, der für dich vor dem Berghain in der Schlange steht“, sagt Abousamra. Die Anfragen der Nutzer spiegeln das pralle Leben. Jemand braucht Unterstützung im Garten, ein anderer möchte eine Spinne im Haus nicht selbst entfernen. Das Prinzip ist einfach: Anfragen, Angebote unterschiedlicher Dienstleister erhalten und abgesichert über Co-Wallet bezahlen. „Unser USP ist Transparenz“, sagt Abousamra. „Alle Anbieter müssen sich bei uns mit Ausweis und Bild identifizieren.“

Gründer aus dem Ausland brauchen Mut 

Gründer aus dem Ausland, das hat Amelia Bryant gelernt, brauchen anfangs viel Mut. Sie ist auf Ablehnungen, Skepsis und Vorurteile gestoßen. „Nicht wenige haben einfach deshalb Nein gesagt, weil ein Geflüchteter vor ihnen stand“, erinnert sich Abousamra. Doch dann gibt es diesen Moment, an dem es sich dreht: wenn man nicht mehr nur Gast ist, sondern Arbeitgeber. Wenn man Arbeitsplätze schafft, Steuern zahlt, die Gesellschaft mitgestaltet. 

Tarek Abousamra hat die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Damit kann er endlich seine Familie in Ägypten besuchen. Für Amelia Bryant und ihn ist Berlin das neue Zuhause. „Hier ist es egal, woher du kommst und wie viel Geld du hast“, sagt Amelia Bryant. Sie wünsche sich eigentlich nur eines: „Besseres Wetter.“

Unterstützung für migrantische Gründerinnen und Gründer

Die 2019 ins Leben gerufene Lotsenstelle für migrantische Selbstständigkeit bietet Beratungsleistungen an, die die Bedürfnisse von Migrantinnen und Migranten adressieren, zum Beispiel bei der Kommunikation mit Behörden.

2022 wurde das Landesbürgschaftsprogramm BBBwelcome von der Senatsverwaltung für Wirtschaft und der Bürgschaftsbank Berlin eingeführt. Das Programm soll Geflüchteten den Zugang zu Finanzierungen von unternehmerischen Vorhaben ermöglichen.

Profilbild Olivia Rost

Ihre Autorin

Olivia Rost

Olivia Rost ist Redakteurin und Texterin für Online- und Printmedien. Nach ihrem Studium Foto-Film-Design mit Schwerpunkt Dokumentarfilm gehörten zu ihren Arbeiten Konzepte und Texte für Museen, Organisationen und Unternehmen in NRW, Stuttgart und Berlin. Heute liegt ihr Schwerpunkt auf Magazinjournalismus und Corporate Publishing.

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