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Dr. Jan Holthusen
Dr. Jan Holhusen, Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft der DZ BANK

29.06.2026 | Lesezeit: 4 Minuten

Wirtschaftsprognose für das dritte und vierte Quartal: Zwischen Erholung und Unsicherheit

Wie entwickelt sich der Ölpreis? Wann gewinnt die deutsche Wirtschaft wieder an Dynamik? Und welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz für die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen? Dr. Jan Holthusen, Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft der DZ BANK, ordnet in seiner aktuellen Wirtschaftsprognose die entscheidenden Entwicklungen des dritten und vierten Quartals ein.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die deutsche Wirtschaft steckt im Sommer technisch in einer Rezession. Erst zum Jahresende erwartet die DZ BANK eine Besserung.
  • Der Ölpreis ist zwar wieder gesunken, dürfte nach Einschätzung der DZ BANK aber vorerst nicht auf das Niveau vor dem Iran-Konflikt zurückkehren.
  • Künstliche Intelligenz entwickelt sich zunehmend zum Wettbewerbsfaktor und verändert bereits jetzt den Arbeitsmarkt. Unternehmen sollten die aktuelle Phase nutzen, um Know-how aufzubauen und strategisch zu investieren.

An den Tankstellen macht sich langsam Entspannung breit. Wer vor wenigen Wochen noch über zwei Euro pro Liter bezahlt hat, tankt inzwischen wieder für deutlich weniger. Für Unternehmen ist das jedoch noch kein Grund zur Entwarnung. Denn während sich Rohstoffmärkte innerhalb weniger Tage bewegen können, reagieren Lieferketten, Investitionen und Produktionskosten deutlich träger. Die wirtschaftlichen Folgen geopolitischer Krisen wirken oft noch lange nach, selbst wenn die Schlagzeilen bereits weitergezogen sind.

Genau darin liegt die zentrale Botschaft der aktuellen Wirtschaftsprognose von Dr. Jan Holthusen, Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft der DZ BANK. Die deutsche Wirtschaft sendet erste positive Signale. Der Weg zurück zu einer stabilen Erholung dürfte jedoch länger dauern als viele hoffen.

Warum die Erholung noch auf sich warten lässt

Mit einem Wachstum von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal ist die deutsche Wirtschaft besser ins Jahr gestartet als erwartet. Der Haken: Dieses erste Quartal war vom Iran-Konflikt noch weitgehend unberührt. Für das zweite und dritte Quartal rechnet die DZ BANK mit jeweils negativem Wachstum im Quartalsvergleich – technisch betrachtet eine Rezession. Für das vierte Quartal sieht Holthusen die Lage dagegen schon wieder vorsichtig positiver, sofern sich die geopolitische Lage weiter beruhigt: „Für das vierte Quartal kann begründeter Optimismus da sein. Aber das nahezu abgelaufene Q2 und Q3 werden noch etwas mühsamer werden.“

Auch die inzwischen konkreter werdenden Friedensbemühungen ändern daran wenig. Die Folgen des Konflikts – gestörte Lieferketten, beschädigte Förderanlagen, leere Lager – müssen erst abgearbeitet werden, bevor sich das in der Konjunktur bemerkbar macht. Erst wenn sich die Lage nachhaltig stabilisiert, könnte die Wirtschaft zum Jahresende wieder an Dynamik gewinnen.

Sinkender Ölpreis, bleibende Folgen

Vor dem Iran-Konflikt lag der Preis für ein Barrel Rohöl bei rund 60 bis 65 US-Dollar. Zwar hat sich der Markt inzwischen wieder beruhigt, doch Holthusen erwartet keine Rückkehr auf dieses Niveau. Mittelfristig könnte sich der Ölpreis eher bei rund 70 US-Dollar je Barrel einpendeln, da beschädigte Förderanlagen erst repariert und Lagerbestände wieder aufgebaut werden müssen.

Bei der Inflation rechnet Holthusen mit einem vorübergehenden Effekt: Durch den gestiegenen Ölpreis ist die Teuerungsrate bereits von rund 2,2 auf etwa 3,2 Prozent gesprungen. Sobald der Ölpreis in zwölf Monaten wieder bei rund 70 US-Dollar liegt, dürfte sich auch die Inflationsrate wieder normalisieren.

Die gesamte Wirtschaftsprognose jetzt im Podcast!

Wir haben Dr. Jan Holthusen exklusiv für unserem Podcast Goldelse - Geldgeschichten aus der Hauptstadt interviewt. Dort vertiefen wir die Wirtschaftsprognose für das 2. Halbjahr mit dem Experten der DZ BANK.

Wie Unternehmen ihre Produktivität jetzt steigern können

Während geopolitische Krisen kurzfristig die Schlagzeilen bestimmen, entscheidet sich langfristig an anderer Stelle die Wettbewerbsfähigkeit Europas. Für Holthusen gehört Künstliche Intelligenz zu den entscheidenden Zukunftsthemen der kommenden Jahre.

Allein in den USA werden nach Schätzungen inzwischen rund eine Billion US-Dollar pro Jahr in die Entwicklung Künstlicher Intelligenz investiert. Anders als bei früheren Technologie-Hypes tragen diese Summen jedoch etablierte, profitable Konzerne wie Google, Microsoft, Meta und Amazon. Von einer Blase im klassischen Sinn will Holthusen daher noch nicht sprechen.

Wie KI zum Druckmittel wird

Wie politisch das Thema inzwischen aufgeladen ist, zeigt sich an einem aktuellen Beispiel: Die USA haben ihr leistungsfähigstes KI-Modell zuletzt offiziell aus Sicherheitsgründen von der weltweiten Nutzung ausgenommen. Holthusen ordnet das vor allem als geopolitisches Druckmittel ein. Die Gefahr dabei: Hält Washington diesen Kurs durch, könnte sich Europa eher in Richtung chinesischer Anbieter bewegen, die ihre Systeme großzügiger und günstiger zur Verfügung stellen – was langfristig wäre.

Europa werde bei den US-Investitionssummen ohnehin kaum mithalten können. Umso wichtiger sei es, gezielt eigene, kleinere KI-Modelle zu entwickeln, um technologische Souveränität zu sichern und sich nicht vollständig von einzelnen Anbietern abhängig zu machen.

Was das für den Arbeitsmarkt bedeutet

Der Wandel zeigt sich bereits am Arbeitsmarkt. Die Zahl der Arbeitslosen hat erstmals wieder die Marke von drei Millionen überschritten, gleichzeitig klagen Unternehmen weiterhin über Fachkräftemangel. Viele Unternehmen zögern aktuell mit Einstellungen, weil sie nicht wissen, welche Stellenprofile durch KI künftig noch gebraucht werden.

Unternehmensberatungen etwa stellen inzwischen deutlich weniger Hochschulabsolventinnen und -absolventen ein, weil klassische Junior-Aufgaben wie das Erstellen von Präsentationen zunehmend KI-Tools übernehmen.

Antizyklisch denken und investieren: Was sich für Unternehmen jetzt schon lohnt

Unsichere Zeiten verleiten viele Unternehmen dazu, Investitionen aufzuschieben. Holthusen rät zum Gegenteil. Gerade wirtschaftlich schwierige Phasen hätten sich in der Vergangenheit häufig als guter Zeitpunkt erwiesen, um antizyklisch zu handeln. „In der Vergangenheit hat es sich häufig ausgezahlt, antizyklisch zu agieren.“

Das gilt nicht nur für klassische Investitionen, sondern vor allem für die Qualifizierung der eigenen Mitarbeitenden. Gerade beim Aufbau von KI-Kompetenzen sieht Holthusen die Chance, Unternehmen auf die Anforderungen der kommenden Jahre vorzubereiten.

Sein Ausblick fällt deshalb trotz aller Unsicherheiten vorsichtig optimistisch aus. Wer die aktuelle Phase nutzt, um Prozesse zu modernisieren, Mitarbeitende weiterzubilden und Zukunftstechnologien einzusetzen, könnte gestärkt aus der nächsten Wachstumsphase hervorgehen.


Profilbild Dr. Jan Holthusen

Ihr Experte

Dr. Jan Holthusen | Leiter Bereixch Research und Volkswirtschaft bei der DZ-Bank

Dr. Jan Holthusen leitet seit 2021 den Bereich Research und Volkswirtschaft bei der DZ BANK und damit die größte Research-Einheit im deutschsprachigen Raum. Holthusen trat nach seiner Promotion als Analyst in das Rentenresearch der damaligen DG BANK ein und übernahm drei Jahre später als Gruppenleiter die Zinsanalyse. Von 2002 bis 2020 war er als Abteilungsleiter verantwortlich für das Fixed Income Research, das neben der Zins- und Währungsanalyse auch das Credit Research umfasst.

Profilbild Maximilian Klein

Ihr Autor

Maximilian Klein

Seine berufliche Reise startete Maximilian Klein mit einer Ausbildung in Marketing und Kommunikation, gefolgt von einem Journalismusstudium. Sein Weg führte ihn zu Tätigkeiten bei renommierten Radiosendern wie Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk sowie zu Stationen im Ausland, darunter Südafrika, USA, Israel und die Schweiz. Jetzt engagiert er sich bei der Berliner Volksbank im Corporate Publishing und erforscht dabei u. a. das Potenzial generativer KI für innovative Kommunikationsstrategien.

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