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Zwei Männer stehen an einer Maschine für Prothesen und schauen in die Kamera
© Marcel Schwickerath

15.09.2026 | Lesezeit: 5 Minuten

Der Moment vor dem Spiegel: Wenn Prothesen täuschend echt aussehen

Wie verändern 3D-Druck, Silikon und künstliche Intelligenz die Prothetik? Das Vater-Sohn-Unternehmen Lifelike Prosthetics aus Luckenwalde entwickelt Prothesenüberzüge, die künstlichen Gliedmaßen ein täuschend echtes Aussehen geben. Die Berliner Volksbank begleitet das Unternehmen auf seinem Weg.

Das Wichtigste in Kürze

  • Lifelike Prosthetics aus Luckenwalde entwickelt realistische Silikonüberzüge für Prothesen und verbindet Handwerk mit 3D-Druck und digitalen Technologien.
  • Die Berliner Volksbank begleitet das Vater-Sohn-Unternehmen als Hausbank und unterstützt die Finanzierung.
  • Die Prothetik entwickelt sich weiter: Sensorik, Robotik und künstliche Intelligenz eröffnen neue Möglichkeiten

Auf dem Tisch liegen Finger, Hände, halbe Unterarme. Metallisch, silikonweich, teils täuschend echt, als könnten sie gleich zugreifen. Es sind Prothesen. »Realität für viele Menschen«, sagt Stefan von Essen, der Gründer von Lifelike Prosthetics. Jahrzehntelang modellierte er Körper, Gesichter, Wunden oder Schwangerschaftsbäuche für Filme. Er ist der Gestalter von »Bernd das Brot«, der wohl mürrischsten Figur des deutschen Kinderfernsehens. Heute richtet sich sein Blick auf Menschen, denen tatsächlich ein Körperteil fehlt. Menschen, die mit dem eigenen Spiegelbild ringen. Gemeinsam mit seinem Sohn Willi entwickelte er ein Verfahren für Silikonüberzüge von Prothesen, die bis in Fältchen und Poren hinein realistisch sind.

Vom Bastelprojekt zum MedTech-Start-up

Ihre Geschichte beginnt in der Pandemie. Das Vater-Sohn-Gespann experimentiert im Lockdown mit einem 3D-Drucker. »Es war zuerst ein Bastelprojekt, wir wussten nicht, was wir lostreten würden«, erinnert sich Willi von Essen, der als Interface-Designer die handwerkliche Kreativität seines Vaters ins Digitale verlängert. Zuerst drucken sie unbewegliche Finger- und Handprothesen, dann Mechaniken für bewegliche Prothesen. Es packt sie, es anders und besser zu machen, denn die Hälfte aller Prothesen wird nie getragen. Zu kompliziert, zu fremd, zu hässlich. 

Sein Sohn und er setzen auf die Idee der Spiegelung von Gliedmaßen, tüfteln an Silikonrezepturen und an einem innovativen Farbverfahren. Zugleich arbeiten sie an der Haptik. Stefan lässt uns seine Silikonhände schütteln, es fühlt sich weich an, ein bisschen wie Haut. Das Verblüffendste aber ist das täuschend echte Aussehen. Fingerfalten, Farbschattierungen der Haut, feinste Verästelungen von Adern. Dreidimensional. »Das ist es, was die meisten Träger wollen«, sagt von Essen, »eine Prothese, die so echt aussieht, dass sie nicht auffällt.«

Was als Experiment begann, nimmt Fahrt auf. Auf der ersten Orthopädietechnik-Fachmesse werden sie überrannt. Spätestens da wird klar: Das hier ist kein Hobby mehr.

Berliner Volksbank begleitet Lifelike Prosthetics als Hausbank

Um aus der Idee ein Unternehmen zu machen, braucht es Kapital, Geduld und starke Partner. Beim Gründertag in Potsdam wird die Berliner Volksbank auf das Unternehmen aufmerksam. Firmenkundenberaterin Sarah Pede steigt in das Projekt ein und trommelt ein Unterstützerteam zusammen: Fördermittelexperten, Berater der Investitionsbank und der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft. Alle an einem Tisch. »Es war langwierig, manchmal nervenaufreibend«, erinnert sie sich. »Aber allen war klar: Das Produkt ist innovativ und wird sich durchsetzen.« Mit Unterzeichnung der Verträge war der entscheidende Schritt getan. Die Berliner Volksbank übernimmt die Rolle als Hausbank, Koordinationsstelle, ist finanzieller Knotenpunkt – und Sarah Pede ist regelmäßig vor Ort in Luckenwalde.

Dort haben die von Essens in einer alten Papptellerfabrik Räume gefunden. Sie teilen sich die Aufgaben: Stefan als kreativer Entwickler, Willi als Geschäftsführer, unterstützt von einem wachsenden Team. Die Werkstatt füllt sich mit 3D-Druckern, Kolorierungsstationen, Laborbereichen. 

Auf einem Holztisch liegen verschiedene Teile für Handprothesen
lebensechten Prothesenüberzüge © Marcel Schwickerath

So entstehen die lebensechten Prothesenüberzüge

Die Herstellung der Silikonüberzüge ist eine Mischung aus Handwerk, High-Tech und Impulsen aus dem Special-Effects-Bereich. Der Prozess beginnt beim Patienten selbst. In dessen Sanitätshaus werden hochauflösende 3D-Scans, Abdrücke und Fotos des gesunden, gespiegelten Körperteils angefertigt. Auf dieser Datengrundlage entsteht in Luckenwalde ein Rohling aus dem 3D-Drucker und daraus der eigentliche Prothesenüberzug mit lebensechten Formdetails. An einer Farbstation koloriert eine Mitarbeiterin das weiße Silikon Schicht für Schicht per Airbrush kunstvoll. Alles digital, alles reproduzierbar. »Wir können dieselbe Form beliebig oft wiederverwenden«, sagt Willi von Essen. »Zweimal, zehnmal – oder sogar in Winter- und Sommervarianten mit leicht veränderter Hautfarbe.«

Ob eine lebensechte Prothese bei den psychischen Folgen einer Amputation helfen kann, wird derzeit in einer wissenschaftlichen Studie der Uniklinik RWTH Aachen mithilfe der Lifelike-Produkte untersucht. Erste Erfahrungen damit haben die von Essens bereits gesammelt. Sie erzählen von einem 27-Jährigen, der seine Prothesenhand immer in der Tasche versteckte. Ihn haben sie mit ihren Silikonüberzügen versorgt. »Dann stand er vor dem Spiegel, schaute seine neue Hand an und sagte: ›Zum ersten Mal fühle ich mich ganz.‹«

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Krieg macht Branche relevanter 

Lifelike steht erst am Anfang, doch Handhersteller aus vielen Ländern schicken bereits ihre Hände nach Luckenwalde und fragen nach Überzügen. Mitunter auch für die Versorgung in Krisengebieten. Allein in der Ukraine gibt es kriegsbedingt Hunderttausende Handamputierte, viele davon jung. Für sie geht es nicht nur um Mobilität, sondern um gesellschaftliche und berufliche Teilhabe. »Insbesondere Drohnenkriege erzeugen neue Verletzungsmuster«, sagt Stefan von Essen, »und machen unsere Branche leider relevanter.«

Auch jenseits militärischer Konflikte erlebt die Prothetik einen tiefgreifenden Wandel. Sie verschmilzt mit Neurologie, Robotik, künstlicher Intelligenz.

Die Zukunft der Prothetik: Robotik, KI und Nervensignale

Lernende Systeme analysieren Bewegungsmuster von Amputierten, passen sich an Gang, Kraft oder Situation an und reagieren unmittelbar. In der Forschung wird sogar an Schnittstellen gearbeitet, bei denen Nervensignale direkt aus dem Gehirn genutzt werden. Dann steuern Querschnittsgelähmte Roboterarme allein durch Gedanken. Noch ist das Zukunftsmusik, doch die Richtung ist klar: hin zur Erweiterung des Körpers.

In einiger Zeit wieder in Luckenwalde vorbeizuschauen, werde sich lohnen, sagt Sarah Pede. Wer weiß, ob das gerade gestartete Unternehmen dann nicht schon in diesen Zukunftsbereichen unterwegs ist. Sie stellt sich auf weitere Förderrunden ein. Mehr Maschinen, mehr Personal. »Wir sind dabei«, sagt sie. Lifelike Prosthetics positioniert sich bewusst an der Schnittstelle von Technik und Mensch. Dort, wo Funktion allein nicht ausreicht. Am Ende wird über Erfolg nicht im Labor entschieden, sondern im Alltag der Träger. Und in einem Moment, der viel sagt: wenn jemand vor dem Spiegel steht – und sich selbst wiedererkennt.

Profilbild Olivia Rost

Ihre Autorin

Olivia Rost

Olivia Rost ist Redakteurin und Texterin für Online- und Printmedien. Nach ihrem Studium Foto-Film-Design mit Schwerpunkt Dokumentarfilm gehörten zu ihren Arbeiten Konzepte und Texte für Museen, Organisationen und Unternehmen in NRW, Stuttgart und Berlin. Heute liegt ihr Schwerpunkt auf Magazinjournalismus und Corporate Publishing.

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