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Person mit Rucksack blickt auf bewaldete Hügellandschaft.
© Ucon Acrobatics

04.06.2026 | Lesezeit: 5 Minuten

Nachhaltigkeit trifft Innovation: Wie Ucon Acrobatics die Fashionbranche neu denkt

Ein Berliner Unternehmen zeigt, wie Nachhaltigkeit und Innovation in der Modebranche zusammengehen können: Ucon Acrobatics setzt auf Kreislaufwirtschaft, entwickelt neue Materialien – und denkt seine Lieferkette konsequent neu.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nachhaltigkeit als Haltung: Warum sie bei Ucon Acrobatics jede Entscheidung prägt.
  • Pionierarbeit im Textilrecycling: Wie neue Materialien entstehen und eine gesamte Lieferkette neu gedacht wird
  • Erfolg mit Weitblick: Warum Ucon Acrobatics sich mehr Konkurrenz wünscht. 

Nachhaltigkeit und Mode? Ein Widerspruch in sich? Die Berliner Marke Ucon Acrobatics beweist das Gegenteil. Spricht man mit den Gründern Jochen Smuda und Martin Fussenegger wird schnell klar, wie ungewöhnlich dieses Unternehmen ist. Während andere Trends hinterherjagen, treibt Ucon Acrobatics konsequent ihre Überzeugung an. Die Rucksäcke und Taschen, die sie herstellen, sollen verantwortungsvoll produziert und kreislauffähig sein.

Nachhaltigkeit als Geschäftsstrategie – nicht fürs Marketing

„Nachhaltigkeit ist für uns kein Marketingthema“, sagt Co-Founder Jochen Smuda. „Sie ist Ausgangspunkt jeder Entscheidung.“ Der Satz erklärt den Kern dessen, was Ucon Acrobatics ausmacht. Oftmals ist Nachhaltigkeit nämlich eine Teillösung: für einzelne Materialien oder kleinere „grüne“ Kapselkollektionen.

Die Gründer von Ucon Acrobatics wollten einen neuen Weg einschlagen. Sie hatten die Marke ursprünglich als Skater-Label gegründet und zur Streetwear weiterentwickelt. 2014 kam der Wendepunkt. „So wie die Branche funktioniert, wollten wir nicht weitermachen“ erklärt Martin Fussenegger. 2015 zogen er und sein Partner die Konsequenz und stellten ihr Unternehmen radikal um. Sie spezialisierten sich auf Rucksäcke und Taschen, verbunden mit einem klaren Anspruch: Nachhaltigkeit nicht als Zusatz, sondern als Geschäftsstrategie. „Nicht ein bisschen nachhaltig, sondern komplett,“ so das Ziel. Deswegen hat das Unternehmen sich auch B-Corp-zertifizieren* lassen und die Unternehmenssatzung danach angepasst (B-Corp – Ucon Acrobatics). Die Zertifizierung stellt sicher, dass Nachhaltigkeit nicht nur Produkte betrifft, sondern das gesamte Unternehmen

Echte Kreislaufwirtschaft: Rücksäcke aus Müll

Aus dieser Haltung heraus begann ein Prozess, der Ucon Acrobatics heute zu einem besonders innovativen Akteur im Textilrecycling macht. Zunächst setzten die Unternehmer auf Polyester aus recycelten PET-Flaschen: damals ein fortschrittlicher Ansatz, heute Standard. Doch ihre Überlegungen gingen weiter: Während PET-Flaschen schon recht gut recycelt werden, türmt sich der Textilmüll. Stichwort ‚Fast Fashion‘. „Die größte Müllquelle sitzt in unserer eigenen Branche. Und wir nehmen Material aus einem funktionierenden Recyclingkreislauf heraus, um daraus Textilien zu machen, “ erklärt Fussenegger. „Das hat sich für uns nicht mehr sinnvoll angefühlt. Wenn wir es ernst meinen, müssen wir in den eigenen Kreislauf gehen.“ 

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Pionierarbeit im Textilrecycling 

Die zwei scheinen die Herausforderung zu lieben. Denn anders als Glas oder Plastik müssen Textilien meist aufwendig getrennt werden, weil sie aus Materialmischungen bestehen.  „Das ist viel komplizierter“, sagt Fussenegger. „Man kann nicht einfach alles einschmelzen und neu machen.“ Hinzu kam, dass es noch keine etablierten Technologien und standardisierten Verfahren dafür gab. 

Ucon Acrobatics geht ‚all in‘ – verändert seine Supply Chain

Martin Fussenegger verbringt seither viel Zeit in China, wo die Rucksäcke und Taschen produziert werden. Nicht aus Kostengründen, sondern weil dort die Infrastruktur sowie die technischen Voraussetzungen für Textilrecycling und Rucksackproduktion gegeben sind. In Webereien, Färbereien und Spezialbetrieben vor Ort leistet Fussenegger Überzeugungsarbeit. Jeder Prozessschritt soll den eigenen Nachhaltigkeitsstandards entsprechen.

Die Fabriken brauchten teils neue Maschinen und andere Produktionsstraßen. „Das war alles ganz neu. Es gab nur kleine Versuchsanlagen, niemand wusste, ob das wirklich funktioniert.“

Ucon Acrobatics ging ins Risiko, trug die Kosten, wenn etwas nicht funktionierte, nahm große Materialmengen ab. „Wir haben von einem Garn 20 Tonnen bestellt und auf Lager gelegt,“ erzählt Fussenegger. 

Auf diese Weise wurde die gesamte Lieferkette transformiert. Von der ersten Faser bis zur letzten Naht. 

Nachhaltigkeit als Innovationstreiber

Die Produkte von Ucon Acrobatics sollen am Ende ihres Lebens nicht entsorgt, sondern wieder zu Rohstoff werden – aber erst möglichst spät. Denn auch das gehört zum Nachhaltigkeitsanspruch: Innovative Materialien, die möglichst lange halten. Deshalb setzt das Unternehmen neben minimalistischem Design, das lange gefällt, auf Materialentwicklung.

Beharrlich arbeitet das Team an Stoffen, die robuster, gleichzeitig leichter und UV-beständiger sind. In der Herstellung wird zum Beispiel das Dope-Dyeing-Verfahren eingesetzt. Dabei wird das Garn bereits beim Spinnen eingefärbt. Das macht die Stoffe besonders farbstabil – und spart 90% Wasser und massiv Chemikalien ein (Dyeing Process – Ucon Acrobatics).

Wie aus Fehlversuchen Innovation wird

„Die größte Innovation passiert oft dort, wo man sie nicht sieht,“ sagt Jochen Smuda. Das Team testet viel und verwirft auch Ansätze. Smuda berichtet von einem Versuch mit Schultergurten. „Filz schien uns vielversprechend aufgrund seiner vorteilhaften Eigenschaften. Er lässt sich sortenrein aus recycelten Textilien und in verschiedenen Härtegraden herstellen. Ideal als Polster- und Stützmaterial. Eigentlich …“, grinst er. „Bis es regnet oder man schwitzt. Da nimmt er Feuchtigkeit auf und wird schwer.“ 

Also neu denken. Ucon Acrobatics findet ein neues Material: leicht und dennoch stützend, dabei atmungsaktiv, schnelltrocknend und angenehm auf der Haut. „Damit hatten wir ein Material, das weiterhin sortenrein ist, aber viel alltagstauglicher. Wir haben die Produktion gleich umgestellt“, sagt Martin Fussenegger.

Langfristiges Denken, auch finanziell

Der Weg, den Ucon Acrobatics eingeschlagen hat, ist ein erfolgreicher. Aber immer wieder auch ein Wagnis. Michael Bayr, der Mann für die Finanzen, sagt: „Wir hatten nie Investoren. Das ist der Grund, warum wir unsere Entscheidungen so treffen konnten. Wir denken nicht in Quartalen, sondern in längeren Horizonten.“ 

Ucon Acrobatics setze, so Bayr, nicht auf schnelles Wachstum, aggressive Expansion und hohe Marketingbudgets. Es reinvestiere Gewinne, wachse kontrolliert – Schritt für Schritt.

In einer entscheidenden Wachstumsphase reichte das eigene Kapital jedoch nicht aus. Für klassische Finanzierungsmodelle war der Ansatz oft zu langfristig gedacht. 

Erfolgreiche Partnerschaft mit gemeinsamen Werten

Eine Empfehlung führte zur Berliner Volksbank. „Da saßen auf einmal Menschen, die uns zugehört haben. Die wirklich verstehen wollten, was wir machen,“ erklärt Bayr. „Es ging nicht mehr nur um Zahlen, sondern um unsere Idee.“ Aus dieser Begegnung entstand eine langfristige Partnerschaft auf Augenhöhe – geprägt von Vertrauen und kurzen Entscheidungswegen.

Heute sind die Geschäftsführer von Ucon Acrobatics nicht nur Kunden der Berliner Volksbank, sondern auch Mitglieder. Der genossenschaftliche Gedanke hat sie überzeugt: „Lokal, wertebasiert, jemand, der unsere Geschichte verstehen will. Das ist uns wichtig.“

Warum Ucon Acrobatics sich Konkurrenz wünscht

Mit der Berliner Volksbank an der Seite will Ucon Acrobatics weiter an nachhaltigen Materialien und Prozessen arbeiten. Auch wenn der Markt kurzfristig andere Signale sendet. 

Für die Zukunft wünscht sich das Unternehmen ausdrücklich mehr Konkurrenz. Denn erst wenn viele die Kreislaufwirtschaft mittragen, entstehen Volumen und Standardverfahren, die die Kosten senken. Jochen Smuda und Martin Fussenegger träumen sogar von einem echten Pfandsystem für Textilien. 

Das wäre ein Beitrag, den Widerspruch von Nachhaltigkeit und Mode aufzulösen. 

Martin Fussenegger und Jochen Smuda - Gründer von Ucon Acrobatics
Martin Fussenegger und Jochen Smuda - Gründer von Ucon Acrobatics

Die Gründer von Ucon Acrobatics

Jochen Smuda und Martin Fussenegger kennen sich seit Schultagen. Ihr Weg führte sie 2001 aus Wangen im Allgäu nach Berlin-Friedrichshain – in einen alten Kuhstall. Die beiden passionierten Skater wollten nach dem Studium in Berlin ihr eigenes Skater-Label gründen. Daher auch der Name: ein Akronym für Urban Conquest and Acrobatics. 

2015 beschlossen sie, sich auf durch und durch nachhaltige und kreislauffähige Rucksäcke und Taschen zu spezialisieren. Die werden zwar nicht in dem umgebauten Friedrichshainer Kuhstall produziert, aber die Design-Entwicklungen und strategischen Überlegungen finden hier statt. 

 

* - B Corp ist eine internationale Zertifizierung, die Unternehmen danach bewertet, wie verbindlich sie ökologische, soziale und wirtschaftliche Verantwortung im gesamten Geschäftsbetrieb verankern. Weitere Informationen unter https://www.bcorporation.de/

Profilbild Nadine Engelking

Ihre Autorin

Nadine Engelking | Redakteurin

Nadine Engelking ist Redakteurin, Texterin und Content Creatorin bei der Berliner Volksbank. Sie verantwortete als PR-Beraterin und Autorin diverse Print- und Online-Publikationen mit Schwerpunkt im Corporate Publishing.

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